Magazin: Kulturpolitik · von Willy Brandt · S. 258
Magazin: Kulturpolitik , 1975

POLITIK

Zur sozialen Lage der Künstler

Offener Brief an die Parteivorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien

Joachim Bandau, 5000 Köln 71, Johannes-Albers-Str. 9

Victor Bonato, 5216 Niederkassel-Uckendorf, Weiher-Weg 11

An die
Parteivorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien
Herrn Willy Brandt
Herrn Hans-Dietrich Genscher
Herrn Helmut Kohl
Herrn Franz Josef Strauß
Im Februar 1975

Sehr geehrte Herren,

der dem Deutschen Bundestag vorliegende Bericht zur sozialen Lage der Künstler in der Bundesrepublik hat durch umfangreiches Material bestätigt, daß die Künstler existentiell bedroht sind. Nicht nur die zum Teil fatale Altersversorgung der Künstler, sondern auch die sich auf manchen Sektoren rapide verringernde Arbeitsmöglichkeiten geben Anlaß zu größter Besorgnis. Jahrelang ist in großen Verbalakten immer wieder die Notwendigkeit und Bedeutung unseres kulturellen Lebens beschworen worden. Jetzt stellt sich heraus, daß damit bestenfalls eine Art von Repräsentativkulturbetrieb gemeint gewesen sein konnte. Anderenfalls wären die strukturellen und sozialen Versäumnisse von Gesetzgeber und Exekutiven auf diesem Gebiet nicht verständlich.

Die Künstler sind bisher weitgehend aus dem System der sozialen Sicherungen ausgesperrt geblieben. Ihnen ist damit nicht einmal die Gleichwertigkeit ihrer Arbeit gegenüber anderer Arbeit anerkannt worden. Die Pflicht des Staates ist es, diesen eklatanten Mangel zu beseitigen. Doch es geht uns nicht nur um die sozialen Aspekte, sondern auch um grundsätzliche strukturelle Änderungen, die es den Künstlern ermöglichen, das längst als breiter erkannte Spektrum künstlerischer Möglichkeiten in die Wirklichkeit umzusetzen.

Die Vertreter aller im Bundestag vertretenen Parteien haben anläßlich des Berichts der Bundesregierung wieder einmal grundsätzlich und engagierte Worte gefunden. Zu hoffen ist, daß den Kraftakten in Worten endlich auch Taten folgen. Kulturproduzenten allerdings – und…

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