Titel: Kunst ohne Werk · von Andreas Nebelung · S. 138
Titel: Kunst ohne Werk , 2000

ANDREAS NEBELUNG

Zwischenräume – sechs ästhetische Erfahrungen

DIE GEORDNETE STRENGE DES TANZENS WIRD DURCH DAS FREIE SPIELEN ENTSCHÄRFT, SORGEN DURCH LACHEN VERRÜCKT, TRÄUMEN DURCH IRREN ENTDUNKELT

Systeme grenzen Umwelt aus. Da, wo Umwelt eindringt, werden Grenzen zu Zwischenräumen. Wir erfahren Umwelt ästhetisch in Zwischenräumen, denkend und sinnlich. Unsere Umwelt befremdet uns und ist voller Deutungsmöglichkeiten. Die ästhetische Erfahrung gründet in einer nicht abzuschließenden, unbestimmten Suche. Die Struktur dieses Erfahrungstypus verhindert eine gelingende Identifizierung. Warum? Mit Rüdiger Bubner vermute ich:
. Eine ästhetische Erfahrung rührt gerade aus der Spannung zwischen sinnlicher Umwelt und zweifelndem Selbst.
. Eine sinnende, zwischenräumliche Bewegung nähert sich an Umwelt, ohne sich auf ‚die‘ Wahrheit auszurichten.
. Ästhetische Erfahrung ergibt sich so aus einer „spannungsvollen Schwebe“ zwischen „Verstehenserwartung und Indefinitheit des zu Verstehenden“ (Bubner).
Wir schweben ästhetisch zwischen einem Rest Selbstvertrauen und Verzweiflung. So entfalten sich nicht nur Paradoxien, sondern Zwischenräume. Unsere Gewissheitssuche ist beendet, wenn wir ungeschützt Spuren suchen – unscharfe, zufällige, vielfältige. Dann sind wir bereits spürend, entzweit und unentschieden unterwegs, dann ängstigt uns der Abgrund und die Grenze zwischen System und Umwelt nicht mehr. Aus Grenzräumen werden Spielräume. Wir erfahren uns und unsere Umwelt ästhetisch.

Der Thron des Genies bleibt leer
Ästhetische Erfahrungen entgrenzen. Ihr anarchisches Potential tendiert (aber) dazu, sich lyrisch oder spirituell in Umwelt zu verflüchtigen, sei es einzeln heroisch (bei George, Jünger, Stirner), sei es gemeinschaftlich eingebunden (Landauer, Bookchin, Humanökologie, deep ecology, Anthroposophie).

Diese esoterischen Auflösungen werden hier rückgebunden an die regelerzeugenden Ordnungen des Tanzens, Spielens und Sorgens. Die chaotischen Bewegungen des Lachens, Träumens und Irrens…

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