Band 139, 1997, Titel: Kunst und Literatur I, S. 136

Armando:

»Alles, was ich mache, sind die Äste eines Baumes«

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Armando, der in Amsterdam und Berlin lebt, gehört zu den Künstlern, die sich verschiedener Medien bedienen, je nachdem, wozu er sich gerade mehr hingezogen fühlt. Er, 1929 in Amsterdam geboren, sieht sich dabei als Zentrum, von wo aus geschrieben, gezeichnet, gemalt und geschauspielert wird. Er, der Komiker und Meister des Slapstick, umkreist als Schriftsteller und bildender Künstler wieder und wieder die Erfahrungen in seiner Jugend und damit die ewigen Themen des Menschseins wie Schuld und Sühne. Mit ihm sprach Heinz-Norbert Jocks in Amsterdam.  

*  

H.-N.J.: Verstehen Sie sich als einen Gesamtkünstler im Sinne des Gesamtkunstwerks?  

A.: In aller Bescheidenheit, ja. Leider bezeichnet man mich gerne als Multitalent. Ein Wort, das ich hasse, denn weder bin ich geschickt noch ein Alleskönner. Eigentlich kann ich sehr wenig. Mein Tun ist mehr auf Inhalt bezogen. Mag sein, daß das, was ich jetzt von mir sage, nicht besonders originell klingt, denn bereits Jean Cocteau behauptete von sich, alle Gattungen seien die Äste eines Baumes. Nur bin ich ein viel besserer Künstler als er. Alles gehört zusammen, und es ist nicht so, daß ich zufälligerweise auch gut bildhauern kann. Eigentlich eher linkisch, kann ich mit meinem Talent gut wuchern.  

Worin unterscheiden sich die Äste Ihres Baumes?  

Wenn ich Theater spiele, lasse ich einen speziellen Humor und Ironie zu, eben das Tragischkomische, das mit Witz nicht zu verwechseln ist. Klar, in Holland wird viel gelacht, aber bei mir schwingt da unterschwellig stets Wehmut und Verlangen mit. Beides lasse ich in meinen Bildern nicht zu. Dazu, warum ich die Disziplinen unterschiedlich anwende, fällt mir keine Erklärung ein.  

Nun gehen die Themen Ihrer Malerei und Bildhauerei auf Jugenderfahrungen zurück.  

Was normal ist, denn jeder Künstler schöpft aus Erinnerungen und Jugenderfahrungen, und meine stammen zufälligerweise aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Nun bin ich aber kein Zweiter-Weltkrieg-Maler, und ich nenne das auch nie beim Namen. Aber es bleibt nicht aus, daß in einer so überspitzten Realität große Themen aufkommen, die nicht nur mit Gut und Böse, sondern mit allem zu tun haben, was dazwischen liegt, und das ist verdammt viel. Hinzu kommt das Vergängliche und ein verzweifelter, vergeblicher Widerstand gegen die Zeit.  

Womit fingen Sie überhaupt an? Mit Malen?  

Nein, als Kind zeichnete ich zunächst, lernte dann zwischen meinem fünften und zwölften Lebensjahr Geige, bis ich die Lust daran verlor, weil es mich auf die Straße zog. Am Ende des Krieges entdeckte ich den Jazz, und von 1945 bis 1949 spielte ich zusammen mit einem Zigeunerorchester für die Amerikaner und Kanadier, und zwar professionell. Damit hörte ich auf und malte dafür und schrieb. 1954 erschienen meine ersten Gedichte in einer Zeitschrift, und ich bestritt meine erste One-Man-Show. Mit sechzig Jahren, also im September 1989, wandte ich mich wieder der Musik zu. Na ja, ungefähr fünf Berufe gleichzeitig auszuüben, ist schon verrückt. Normalerweise sollte man in meinem Alter eine Pfeife rauchen, vor seinem Häuschen sitzen und einfach faulenzen.  

In dem, was Sie schreiben, korrespondiert die Wahrnehmung des Jungen mit der der Erwachsenen, als wollten Sie wie ein Kind über die Kriegsereignisse staunen, während Sie als Maler und Bildhauer mehr die gereifte Erfahrung ausdrücken, nicht wahr?  

Es ist, wie Sie sagen.  

Was tun Sie lieber? Schreiben, malen oder bildhauern?  

Keine Ahnung, es geschieht einfach. Lieber würde ich es unterlassen, aber ich tue es gerne, und wenn es gelingt, um so besser. Dabei hängt, was ich tue, von der Zeit ab. Nie setze ich mich an meinen Schreibtisch und grüble darüber nach, was ich schreiben soll. Überhaupt bin ich zu Hause viel zu unruhig. Alles, was ich mache, geschieht unterwegs. Dort entstehen eine Unmenge kurzer Skizzen für Gedichte und Bilder, aber auch normale Aufzeichnungen. Auf Reisen, ob im Flugzeug oder wo auch immer, trage ich alle Einfälle in mein kleines Notizbuch ein, um sie später auszuarbeiten. Dann gehe ich daran, Notiertes zu verbessern, an Formulierungen zu schleifen, hier und da etwas hinzuzufügen oder wegzustreichen. Ich kann immer weiterarbeiten. Es ist nicht so, daß mir Einfälle pausenlos kommen. Wenn ich zwischen den Gattungen wechsele, so ist mir das gar nicht so bewußt, und ich muß dabei auch nicht umschalten. Ich nehme mir nie vor, ein Bild zu machen. Es kommt von alleine und hängt von vielem ab. Es passiert, daß ich während des Malens ans Schreiben oder ans Theater denke. Nie arbeite ich nie, und ich bin zu unruhig, um nur das eine zu machen. Übrigens wüßte ich gar nicht, womit ich sonst meine Zeit verbringen sollte. Was soll ich mit meiner Freizeit anfangen? In der Kneipe sitzen? Da langweile ich mich sofort. An den fünf Berufen stört mich einzig, daß sie viel zu viel Organisation verlangen. Es sind die banalen Dinge, wie die Reservierung von Zimmern vor Antritt einer Tournee mit meinem Quartett, die einen viel Zeit kosten.  

Hat Ihre Form des Schreibens mit dem Unterwegssein zu tun?  

Ja, nur ist mir unklar, ob ich schreibe, weil ich unterwegs bin, oder ob ich unterwegs bin, weil ich schreiben will.  

Beeinflussen Malen und Schreiben sich gegenseitig?  

Nein, nichts beeinflußt sich gegenseitig. Wäre es so, so nur deshalb, weil ich die gleiche Person bin. Meine Zeichnungen sind ganz anders als meine Bilder, zum einen wegen des Materials und weil ich da etwas anderes zulassen kann. Nie habe ich Zeichnungen nach Bildern gemalt.  

Welche Rolle spielte für Sie, als sie neunzehn waren, die Gruppe Cobra?  

Deren Malerei war damals die große Revolution. Dabei erinnere ich nur wenig und war auch zu jung, um jemanden aus der Gruppe kennenzulernen. Zum Zeitpunkt der ersten großen Ausstellung von Cobra war ich gerade mal siebzehn. Was man damals zu sehen bekam, war weit weg von mir, und nach dem Krieg konnte ich mir nicht vorstellen, eine in einem Stuhl sitzende, schöne Frau oder irgendwelche Stilleben zu malen. Die Kunst, wie sie mir vorschwebte, glich der Malerei von Cobra, deren Freiheit ich so sehr bewunderte, daß ich mich zunächst davon beeinflussen ließ, bis ich um 1954 zu meinem eigenen Stil fand.  

Von welchen Malern waren Sie noch fasziniert?  

Meist Maler, die mich nicht direkt prägten. Einer der großen, übrigens immer noch mein Favorit, ist sicherlich Edvard Munch. In jungen Jahren waren mir Soutine, der Expressionismus, der frühe Kokoschka, Corinth und die letzten Picassos nah.  

Wieso Munch?  

Weil er, der für eine große literarische Malerei steht, bis ins Detail so überzeugt, daß er mir Respekt einflößt. Bei der Betrachtung gewisser Einzelheiten in seinen Bildern, fragt man sich, warum das hier und nicht dort steht und warum das dick, während das andere dünn ist. Es zeigt sich dann, daß alles stimmig ist.  

Welche Künstler mögen Sie noch?  

Als großer Malerei-Liebhaber schätze ich Cézanne und respektiere Warhol. Aber um mir seine Bilder anzuschauen, brauche ich nicht davor stillzustehen. Ich kenne sie so gut, daß ich es nicht mehr genießen kann, sie länger anzuschauen. Aber vor einem Cézanne kann ich täglich verweilen und mich über seine mit Pinsel und Farbe entfachte Zauberei wundern.  

An wen denken Sie noch?  

An Bonnard, Matisse und Modigliani, das sind für mich Gegenwelten. Ich beneide sie um ihre Fähigkeit, Genießer der schönen Außenwelt zu sein, denn das ist etwas, was mir abgeht. Von mir so spät entdeckte Maler wie Bonnard und Matisse habe ich zunächst gehaßt. Darüber, daß ich später imstande war, meine Meinung zu revidieren, bin ich glücklich. Erst in den letzten zwanzig Jahren habe ich für mich Morandi entdeckt. Den finde ich heute wunderbar, aber damals ging ich daran vorbei und dachte: "Ach, dieser Kerl mit seinen dummen Flaschen!"Auch Matisse, auf den ich nach dem Krieg stieß, hielt ich zunächst für Blödsinn, und mit Max Beckmann habe ich mich noch später angefreundet.  

Was haßten Sie an deren Malerei?  

Das Thematische und die Leichtigkeit ihrer schrecklichen Unschuld.  

Sie haben einmal gesagt, daß sich das Häßliche, Schreckliche, Entsetzliche und Kriegerische dadurch verschönt, daß es zum Ausdruck gebracht wird.  

Ja. Das ist die Schönheit, der ich mein Leben widme. Dieses Credo hat mit meiner Jugenderfahrung zu tun. Vor dem Krieg, als es noch idyllisch war, kannte ich ein bestimmtes Gelände sehr gut, und nach dem Krieg entdeckte ich langsam, daß dieses Gebiet trotz allem, was da geschehen war, eine vielleicht sogar größere Schönheit besaß, die mich mein ganzes Leben fasziniert hat, obwohl die Sehnsucht nach Ruhe und Idylle größer ist.  

Welche Literaten schätzen Sie?  

Dostojewski und Kafka. An Knut Hamsun, dessen Roman Hunger die deutschen Expressionisten schätzten, reizte mich das typisch Nordische, diese Absurditäten, das Visionäre, das Halluzinatorische und auch sein unterschwelliger Humor. Obgleich ich wußte, daß er im Krieg nicht ganz sauber war, finde ich ihn als Schriftsteller gut.  

Sie selbst sind eher melancholisch und dabei humorvoll, nicht wahr?  

Es gibt keinen humorlosen Melancholiker, denke ich. Für mich steckt die Melancholie mehr in Abbildungen von dem deutsch-russischen Feldzug, in Fotografien oder in alten Postkarten, auf denen Kinder zu sehen sind. Das wirkt so geheimnisvoll, daß ich mich dann frage, was denn aus ihnen geworden ist oder wie ihr Leben aussah? All dieses Leben ist romanhaft. Um Romane zu haben, ist es unnötig, welche zu schreiben. Die gibt es überall, hier in der Umgebung und dort in den Wohnungen. Jedes Stockwerk hat seinen Roman. Aber wenn man daran dauernd denkt, ist man in Gefahr, verrückt zu werden.  

Gedankensprung, in Ihren Bildern tauchen KZ-Tore auf.  

Gut, das sind KZ-Tore, aber ich will eigentlich nur Tore malen, und die haben sofort diese Bedeutung, mit der ich durchaus einverstanden bin.  

Sie sagten einmal, Sie wollten etwas begreifbar machen, ohne es zu begreiflich zu machen.  

Damit ist das Schweben der Bilder im Irrationalen gemeint. Ich stelle entweder Fragen, auf die es keine Antworten gibt, oder Fragen, die nie gestellt wurden, und zwar in der Hoffnung, daß sie unbeantwortet bleiben. Auf den Bildern der Neuen Sachlichkeit, die mich langweilen, existiert nur, was draufsteht. Ich selbst könnte nie ohne die Thematik und ohne Nachdenken auskommen. Doch geht es mir auch um das gut gemalte Bild.  

Woher rührt die Reduktion Ihrer Malerei auf Schwarz und Weiß?  

Das ist so gewachsen. Früher nahm ich viel Rot, Schwarz und Weiß und manchmal auch andere Töne dazu, doch sehr schnell reduzierte sich die Palette wieder. Die einzige Antwort auf die Frage, warum das alles so sei, lautet: Weil ich es so will. Mir ist das so unklar wie, warum ich verliebt bin. Es zählt doch nur, daß es so ist. Daß alles doch wieder auf Schwarz-Weiß hinausläuft, selbst dann wenn ich Farbe verwendet habe, könnte mit meiner Faszination für schwarzweiße Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg und Rußland zu tun haben. In den 70ern collagierte ich denn auch aus Zeitschriften herausgeschnittene Fotos aus dem Krieg. Ich besitze viele Zeitschriften aus der Zeit und blätterte sie oft durch. Interessiert an den landschaftlichen Hintergründen, wollte ich auch wissen, wer das fotografiert hatte. Ich plane ein Buch über die schuldige Landschaft. Mein Interesse an den vergrößerten Einzelheiten auf den Fotos, wozu das Gestrüpp oder Bäume im Hintergrund gehören, hat mit meiner Jugend zu tun. Nun stört es mich aber, wenn zu sehr das KZ in der Nachbarschaft des Ortes, wo ich aufwuchs, in den Vordergrund gerückt wird. Das ist nicht das einzige, worauf ich abhebe. Als ich nach dem Krieg dorthin zurückkehrte, war das Lager zwar weg, aber die hohen Tannen noch da. Die große Eiche mit den gekürzten Ästen und Zweigen steht da wie ein Kronleuchter.  

Das Thema der schuldigen Landschaft taucht in Ihrer Literatur und Ihren Bildern auf. Worin besteht der Unterschied?  

Darin, daß ich es male oder darüber schreibe. Mal entsteht ein Bild und mal Schrift, wobei ich als Maler vermeide, etwas abzubilden, denn ich strebe eine Umsetzung in meinem Sinne an. Als ich fotografierte, habe ich dazu gezeichnet. Egal, wie ich mich dem Thema stelle, ich versuche der Gefahr zu entkommen, zu deutlich zu werden. Schon deswegen, weil ich glaube, daß es verdammt wenige Dinge in der Welt gibt, die deutlich sind, und deshalb, weil ich nichts erklären will. Im Gegensatz zu anderen Autoren bilde ich mir nicht ein, weiser zu sein. Ich ärgere mich ein bißchen über jene Schriftsteller, die vorgeben, nicht nur alles besser zu wissen, sondern auch eine Vorstellung davon zu haben, wie alles sein muß. Irritiert darüber, wie überzeugt sie von sich sind, finde ich diese moralische Art schrecklich. Sie tun so, als ob die ganze Traurigkeit der Welt auf ihren Schultern lastet. Ich weiß nichts so genau und glaube hin und wieder mal, etwas zu wissen.  

Versuchen Sie, sich in die Ahnungslosigkeit eines Kindes zurückzuversetzen?  

Nein, das glaube ich nicht. Vielleicht ist es sogar eine Form der Weisheit, wenn man sagt, nichts genau zu wissen. Aber passen Sie auf, ich war während des Krieges kein Kind mehr. Als es anfing, war ich zehn Jahre alt, aber am Ende von allem waren wir alt. Wir waren eine auf der Straße sich herumlungernde Gruppe, die es nicht mochte, zu Hause zu bleiben, sondern in die Wälder ging, das Abenteuer suchte und dabei mit dem konfrontiert wurde, was ich dann beschrieb.  

Ist das von Ihnen in Straße und Gestrüpp beschriebene Herumstreunen eine Vorform des zigeunerhaften Umherziehens?  

Ja, und ich tue es immer noch gern. Mein ganzes Leben ist so verlaufen, daß alles einfach passierte.  

Was verbinden Sie mit Reisen?  

Änderungen, Abenteuer, aber keine Elefantenjagd. Ich bin sehnsüchtig nach dem kreativen Abenteuer und darauf, was auf leerer Bühne sich entwickelt, oder darauf, was auf einer leeren Leinwand oder einem weißen Papier entsteht. Gelegentlich frage ich mich, warum ich immer weitergehe? Das Sehnen nach dem Kommenden ist wie Hungerhaben. Dabei ist alles, was mir widerfährt, mehr oder weniger eine Bestätigung dessen, was ich früher in der überspitzten Realität unbewußt erlebt habe. Dazu gehört, wie Menschen sich benehmen oder vorgeben zu sein.  

In Straße und Gestrüpp sagen Sie, es sei bezogen auf die Nazis und ihre Verbrechen nicht korrekt, von Unmenschen zu reden, weil diese Seite zum Menschsein dazugehört?  

Ja. Nach dem Krieg, mit Fünfzehn, gab es ein kleines Zigarettengeschäft mit Zeitschriften im Schaufenster, in denen die Leichenberge der KZs zu sehen waren, begleitet von Artikeln über die unmenschlichen Greueltaten. Schon damals dachte ich, das eigentliche Problem sei, daß das zum Menschsein dazugehöre. Ich finde es leichtfertig, die Verbrecher mit Tieren zu vergleichen, weil es das Problem verwischt.  

Verstehen Sie Ihr Schreiben, Malen und Bildhauern als Amoklauf gegen das Vergessen?  

Ja, es ist ein vergeblicher Kampf gegen die Zeit. Zwar weiß ich, daß mein Tun wie das Leben völlig sinnlos ist, aber ich lebe und mache Kunst, die für mich ein Abenteuer ist. Neugierig darauf, wie es ausgeht, kann ich nicht aufhören. Ehe ich mit Unterbrechungen eine Woche an einem Bild arbeite, sitze ich lieber mehrere Stunden an einem Stück daran, denn ich will wissen, wie es ausgeht.  

Wie sehen Sie das Verhältnis von abstrakter und figurativer Malerei?  

Ich bin weder ein abstrakter noch ein Kompositionsmaler. Auf meinen Bildern sind Fahnen, Bäume, Räder, Zäune und Leitern zu sehen, und ab und an male ich auch abstrakt.  

Ist Ihre Malerei eher eine symbolhaltige Kunstform?  

Sie ist so geworden. Ursprünglich war das nicht so. Nun denke ich weder in Symbolen noch überlege ich, wie ich ein Symbol setzen könnte. Das drängt sich mir mit den Themen auf, und jedesmal denke ich, es sei das letzte Thema, das ich aufgreife, und jedesmal taucht ein weiteres auf.  

Auf Ihren Bildern sind Schattenfiguren, Kelche, eine schwarze Blume, Tiere, eine schwarze Wolke, eine Hand, Stacheldraht und Tore zu sehen. Hat der Kelch mit Verwandlung zu tun?  

Nein, aber ich halte es für eine gute Interpretation. Auch wenn ich selbst nicht daran dachte, so glaube ich doch, daß da etwas dran ist. Es passiert einfach. So sah ich in einem Museum eine keltische Form und dachte dabei an einen Kelch. Auch die Leitern entdeckte ich als Thema in Amerika, wo ich sie an den Felsbehausungen der Indianer sah.  

Als Maler reduzieren Sie alles auf ein Zeichen, während Sie als Schriftsteller auf eine größere Anzahl von Zeichen zurückgreifen.  

Ja, ich will das Geschriebene so breit wie möglich anlegen. Klar, ich könnte es mir einfacher machen, wenn ich nur eine Anekdote erzählte. Aber ich lege die Anekdoten breiter an, damit sie mehr sind als nur anekdotisch, denn ich will das Unsagbare andeuten und hervorrufen.  

Geht es Ihnen in der Malerei um die Anknüpfung ans Gewesene?  

Ja! Mir geht es nicht unbedingt um die Aufbewahrung des Erlebten, sondern dessen, was es früher gab. Ich will etwas festhalten, weil die Zeit so verdammt schnell vorübergeht. Nun will ich keinen so großen Nachdruck auf den Krieg legen. Aber als ich 1950 nach Deutschland kam, da fielen mir all jene auf, die auf der Straße arbeiteten oder in Geschäften standen. Ich stellte mir dabei vor, daß sie diejenigen waren, die in Holland als geheimnisvolle und uniformierte Feinde verschrieen waren. Inzwischen wohne ich schon seit siebzehn Jahren in Berlin, mich fragend, wo die Täter jetzt noch abgeblieben sind? Die Feinde von damals sind heute die Herren über siebzig. Diese alte Welt ist mittlerweile "unschuldig". Das heißt, das Geheimnisvolle aus meiner Jugend verschwindet mit dem Geheimnisvollen der Erwachsenen. In jungen Jahren sieht man die Erwachsenen anders, weil man einige von ihnen bewundert und hofft, eines Tages so wie sie zu werden. Aber selbst älter geworden, bewundert man niemanden mehr. Nun möchte ich auch nicht gerne jünger sein, denn die Jüngeren wissen nicht mehr als ich.  

Apropos Berlin, zogen Sie dorthin, weil Sie wissen wollten, wie der Feind lebt?  

Ich ging nach Berlin aus mehreren Gründen. Erstens wollte ich immer weg von hier und zweitens hatte ich die Ambition, eine internationale Karriere zu machen, aber das war von Holland aus unmöglich. Da es hier in Holland ein paar Sammler und einige Museen gab, die meine Kunst regelmäßig kauften, fragte ich mich, warum es die nicht auch in Deutschland, der Schweiz, in Japan, Amerika oder England gibt? Der Grund ist der, daß die gar nichts von meiner Kunst wußten. Da die Galeristen in Holland nichts unternahmen, muß ich selber aktiv werden, um bekannter zu werden. Das haben alle getan, ob sie nun De Kooning, Mondrian oder Appel heißen. Man muß weggehen, und, wie es der Zufall wollte, wurde ich vom DAAD nach Berlin eingeladen. Ich habe meine Chance ergriffen und bin dort geblieben mit großen finanziellen Risiken, und es ist mir letztendlich doch gelungen.  

Was verbinden Sie heute mit Berlin?  

Vor allem Vergangenheit. Wenn ich am Flughafen Tegel ankomme und per Taxi nach Hause fahre, ertappe ich mich dabei, wie ich mir sage: Was habe ich Berlin geliebt. Ich sage nicht, wie sehr liebe ich Berlin, und habe Angst davor, es könnte vorbei sein. Es bringt mir nichts mehr und es inspiriert mich auch nicht. Ich mag Berlin sehr, weil es mein Leben geworden ist. Ich bin der Stadt sehr dankbar, denn es hat mir sehr viel gegeben, sowohl äußerlich als auch karrieremäßig und inhaltlich. Ich verbrachte dort die schönsten Jahre meines Lebens, aber jetzt fehlt mir die Neugierde. Früher, wenn ich in irgendeine Wohnung kam, wollte ich wissen, wie die Gespräche dort waren, wie es dort aussah, roch und klang. Die Geheimnisse alter Wohnungen lockten mich. Dagegen, wenn ich dort heute eine Wohnung betrete, geht mir nur noch durch den Kopf, welche Fragen ich früher gestellt hätte, aber völlig desinteressiert.  

Sie drehten auch einen Film über Berlin, nicht wahr.  

Ja, der war langweiliger als Wim Wenders "Himmel über Berlin", dafür aber schöner. Nun habe ich die wenigen, die ich gemacht habe, nicht selber gedreht. So gibt es einen über ein KZ mit dem Titel "Die Geschichte eines Geländes". Die Veränderungen der Gegend, wie sie sich vor, während und nach dem Krieg bis heute ereignet haben, werden nicht etwa dokumentiert, sondern durch Erinnerungen von Leuten, die ich befragte, beleuchtet. Dazu entstand auch ein Buch. In meinen ersten Jahren in Berlin habe ich jeden, der älter war als ich, angesprochen und mir von sich und der Stadt erzählen lassen. Diese Gesprächsfetzen flossen in meine Bücher, manchmal war es nur ein einziger Satz.  

Dabei haben Sie nie moralisiert!  

Um Gottes willen. Ich mag es auch nicht, wenn ich in die Ecke eines Mahners vor dem Krieg gedrängt werde. Es ist anmaßend, anderen zu sagen, wie sie zu leben oder zu denken haben. Denn ich bin ein Sünder wie jeder andere auch. Warum soll ich da mahnen? Wenn jemand einen Krieg machen will, muß er das machen. Aber das ist nicht meine Sache.  

Wie erleben Sie die neuen Technologien?  

Ich finde es jetzt schon schlimm und möchte nicht gerne das elektronische Zeitalter ertragen müssen. Da kommt eine große Revolution auf uns zu, schwerwiegender als die Erfindung des Flugzeugs. In mir existiert da ein ungeheures Widerstreben, und ich sehe in dem Neuen bis auf die Möglichkeit zu faxen nur wenige Vorteile.  

Warum schreiben Sie keine Romane mit Handlungsverlauf?  

Die Realität zu verdichten, ist mir wichtiger als die Erfindung, zudem birgt die Realität Momente, die sich nicht fingieren lassen. An diese Vorstellung aus der ZERO-Zeit halte ich noch fest.  

Ihre kurzen Texte erscheinen wie Denkbilder.  

Ja, ich zaubere ab und zu so kleine Fetzen hervor, von denen ich denke, sie könnten etwas verdeutlichen. Denn die Realität läßt sich nicht beschreiben.  

Nun zielen Sie schreibend vor allem auf die Erfahrungen des Dritten Reiches. Ist diese Zeit so präsent, daß kein Weg daran vorbeiführt?  

Ich will nicht, daß sie präsent ist, sondern daß sie vorbei und weg ist. Daß sie erneut auftaucht, hat auch damit zu tun, daß es ewige, bereits von Shakespeare und Dostojewski behandelte Themen wie Schuld und Sühne, Opfer und Täter sind.  

Gelegentlich zitierten Sie Ernst Jünger. Wieso?  

Nun las ich nach dem Krieg viele pazifistische Romane, geschrieben von jenen, die, nachdem sie als Kriegsfreiwillige in den Ersten Weltkrieg gezogen, als fanatische Pazifisten zurückgekommen waren, darunter Ernst Toller. Natürlich verstand ich gut, daß jemand so dachte. Dann las ich Bücher wie "Der Krieg als inneres Erlebnis" von einem gewissen Ernst Jünger. Es faszinierte mich, daß jemand, der aus dem Krieg heimkehrte, diesen so positiv erlebte. Offensichtlich kann man mit einer solchen Einstellung sehr alt werden.  

Zurück zu ZERO, welche Rolle spielt die Zeit in Ihrem Leben?  

Es war eine kurze Etappe in meinem Leben, die wie Cobra ihren Sinn hatte. Kaum ist das Ziel erreicht, schon wendet man sich davon ab und macht alleine weiter. Nun bin ich weder ein Kneipen-Mensch, noch verkehre ich in Künstlerkreisen. Solche Freundschaften interessieren mich nicht. Ich bin mehr mit Malern als mit Schriftstellern befreundet, und habe viele Freunde außerhalb dieser speziellen Kreise. Da ich früher geboxt habe, kenne ich auch noch Leute von damals.  

Verstehen Sie sich selber als ein Holländer in Deutschland?  

Nein, als ein Ich.  

Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Armando

* 1929, Amsterdam, Niederlande

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