Nomadic No Man's Land

20. März 2017 · Aktionen & Projekte

Der biblische Brudermord von Kain an Abel steht symbolisch für den archaischen Konflikt zwischen Hirtennomaden und sesshaften Ackerbauern im Streit um Wege-, Wasser- und Weiderechte. Darauf fußen alle Mythologien und alle ideologischen Konzepte, die eine Unterscheidung zwischen in dem Eigenen und dem Fremden definieren, zwischen Hier und Dort. Bodenständigkeit und auf Mobilität beruhender Kosmopolitismus schließen sich und unseren Tagen aber nicht grundsätzlich aus – mit Billigflügen in exotische Gegenden üben wir Weltläufigkeit ein und wissen zu Hause in unseren Städten zugleich eine Kiez-Gemütlichkeit zu schätzen. Und dennoch führt die aktuelle Stimmungslage zu einem Unbehagen: „Es kristallisiert sich… mehr und mehr eine politische und zwischenmenschliche Kultur und damit eine einhergehende Handlungsweise aus Angst, Kontrolle und Misstrauen gegenüber dem Anderen heraus. Diese Pathologie des Einteilens und Aufteilens in Zugehörigkeiten von Glauben, Herkunft, Identität schafft Privilegien, diskriminiert, trennt, spaltet, macht eng und beraubt uns gleichzeitig unserer Gleichheit und Vielfalt im Menschsein. Diese Art der ‚deutschen‘ Kultur ist nicht meine und deshalb bin ich kein ‚Deutscher‘ mehr“, erläutert der Münsteraner Künstler Stefan US zu seinem Projekt „Nomadic No Man’s Land“. Emigrieren will der Künstler allerdings nicht, und staatenlos werden auch nicht. Stattdessen überklebte als Kunstaktion die Nationalitätenangabe im Personalausweis mit „Niemandsland“, um mit diesem Ausweis symbolisch in einen „staatenlosen Raum ohne Namen“ einzuwandern: „Die Aktion ist ein symbolischer Anfang. Es ist der Versuch, einen Raum zu gestalten, der diese Gleichheit, Freundlichkeit und Offenheit, in sich trägt. Erstmal in mir, dann in mir und vielleicht in dem Anderen, um von diesem Wir in eine mühelose Diversität einzuwandern…“ Die Ausweis-Aktion war soeben der Auftakt zu einem Projekt „Nomadic No Man’s Land“, das sich 2018 „interdisziplinär mit dem Kreieren offener Räume für ein gesellschaftliches ‚Wir‘ beschäftigt und dazu öffentlich experimentiert…“