Autofiktion in Körper und Gesamtkunstwerk

Entwicklungen einer performativen Selbstüberschreibung

von Rosa Windt

Landschaften, Gerüche, Orte, Rituale und Routinen sind zentrale Speicher autobiografischer Erfahrung. Sie konstituieren ein Gefühl von Heimat, das weniger stabil als vielmehr brüchig, widersprüchlich und historisch kontingent ist. Gerade im Übergang von Kindheit zu Adoleszenz kommt es häufig zu einer Distanzierung oder radikalen Neuverhandlung dieser Konstruktionen, Herkunft wird hinterfragt, Identität fragmentiert sich, vertraute Narrative verlieren ihre Selbstverständlichkeit.

Diese Spannung zwischen autobiografischer Verankerung und kritischer Distanz kann zu einem zentralen Ausgangspunkt autofiktionaler künstlerischer Praktiken werden. Autofiktion bezeichnet dabei weniger eine lineare Selbsterzählung als vielmehr eine ästhetische Strategie, innerhalb derer biografisches Material bewusst fiktionalisiert, performativ überformt oder medial gebrochen wird. Innerhalb der Bildenden Kunst lassen sich derartige Entwicklungen zunächst in der Landschaftsmalerei ablesen; während Landschaft im Mittelalter primär der Einbettung religiöser Szenerien diente, wird diese in der flämischen und niederländischen Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts zunehmend zum Austragungsort alltäglichen Lebens. Mit der Industrialisierung erfährt Landschaft schließlich eine erneute Aufladung als Ort von Sehnsucht, Verlust und idealisierter Herkunft. Diese Verschiebung markiert einen Übergang von symbolischer Verortung zur subjektiven Projektion – ein Paradigma, das sich später gleichsam auf den menschlichen Körper selbst überträgt.1

Ein entscheidender theoretischer und kuratorischer Ausgangspunkt hierfür versammelt sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts im Begriff des Gesamtkunstwerks und wurde insbesondere durch Richard Wagner geprägt. Wagners Vision zielte auf die Verschmelzung von Musik, Dichtung, Bühne und Handlung zu einem affekthaften Erfahrungsraum. Bereits hier ist das Subjekt nicht mehr distanzierte Betrachter*in, sondern wird programmatisch körperlich involvierter Teil des Geschehens.2 Diese Idee wird…

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