Das inszenierte Selbst

Autofiktion in der Gegenwartskunst
herausgegeben von Rosa Windt und Anna Kipke

Der KUNSTFORUM Band Das inszenierte Selbst – Autofiktion in der Gegenwartskunst blickt auf ein Phänomen, das in den letzten Jahren in den Künsten großen Anklang gefunden hat. In den 1970er Jahren als literarisches wie performatives Verfahren aufgekommen, war Autofiktion genuin mit dem emanzipatorischem Potenzial verbunden, auf gesellschaftliche Strukturen hinzuweisen. Heute treten zunehmend die Ambivalenzen dieser Praxis in den Vordergrund, wie Tendenzen der bürgerlichen Fetischisierung von Subjektivität sowie autoritäre und identitäre Stagnation infolge von Identitätspolitiken zeigen. Wie steht es aktuell um das emanzipatorische Potenzial von Autofiktion? Und wann kippt die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Selbst zwischen Fiktion und Realität in Selbst-Mythologisierung? Die in dem Band versammelten Beiträge zeigen, wie Autofiktion als Gegenstand und Verfahren in den unterschiedlichen Medien – von Zeichnung, Malerei und Skulptur über Fotografie bis zu künstlerischen Interventionen und Ausstellungen aufgegriffen werden. Dies ermöglicht einen Rückblick auf die Entwicklung der letzten zehn Jahre und eröffnet zugleich die Möglichkeit der kritischen Reflexion und aktuelle Tendenzen zu kartieren.

Rosa Windt untersucht in ihrem Beitrag, wie Autofiktion den Körper als Medium künstlerischer Selbstverhandlung nutzt, persönliche Biografie performativ übersetzt und zwischen Intimität, Öffentlichkeit und sozialer Kritik vermittelt. Anna Kipke analysiert aktuelle Strategien der Autofiktion als Formen von künstlerischen Interventionen in musealen Sammlungen am Beispiel des Freud Museum London und Muzeum Sztuki in Łódź. Isabel Mehl rekonstruiert die Medien und Verfahren der Ich-Positionierung in dem Künstler*innen-Interview Don’t Cry: Work (1973) zwischen Meret Oppenheim und Lynne Tillman. Lisa Klosterkötter untersucht in ihrem Text Formen des fragmentarischen Geschichtenerzählens als kuratorischkünstlerische Praxis im öffentlichen Raum, wobei alltägliche Eindrücke, historische Spuren und performative Interventionen zu vielschichtigen, kollaborativen Narrativen verschränkt werden. Natalia Sielewicz reflektiert in ihrem autofiktionalen Essay ausgehend von der figurativen Malerei von Agata Słowak, die persönlichen und institutionellen Machtdynamiken ihrer eigenen Involviertheit als Modell und Rolle als Kuratorin. Kristian Vistrup Madsen erläutert die Parallelen zwischen Autofiktion als literarischem Trend und untermauert seine Kritik an der Hyperpräsenz von Identität in der zeitgenössischen Kunst.

In den Interviews mit den Künstler*innen stehen die konkreten künstlerischen Strategien und Verfahren im Vordergrund. In dem Gespräch zwischen Rosa Windt und dem US-amerikanischen Medienkünstler Matthew Barney wird insbesondere sein Umgang mit Körper, Material und performativen Gesamtkunstwerken thematisiert. Im Medium der Fotografie erläutert Carina Brandes die Inszenierung des Körpers als performatives und kollektives Subjekt in offenen, prozessualen Bildräumen. Die polnische Bildhauerin und Künstlerin Zuza Golińska spricht über die experimentellen Formen ihres Schreibens an der Schnittstelle von Skulptur, Performance und Raumgestaltung als Möglichkeit zur Selbst-Positionierung in geopolitischen Dynamiken. Der belgische Künstler Rinus van de Velde erläutert die Nähe zwischen Rhythmen des Lebens und der alltäglichen Praxis des Zeichnens, durch die sich seine Selbstporträts im narrativen und figurativen Stil auszeichnen.