Fragmentarisches Geschichtenerzählen als kuratorisch-künstlerische Praxis im öffentlichen Raum
von Lisa Alice Klosterkötter
Jeder Spaziergang, jede Bahn- oder Busfahrt, jeder Fahrradweg mit Podcast, Radio, Musik, Hörspiel in den Ohren stellt bereits eine Verschränkung von mindestens zwei Erzählebenen dar. Eine Stimme oder mehrere berichten, diskutieren oder lesen vor. Parallel dazu erlebt das Auge die Außenwelt: Architekturen, Landschaften, Straßen, Mitmenschen – sie alle ziehen vorbei, mal passiv passierend, mal aktiv aufeinander reagierend. Bausteine der jeweils anderen, sich abspulenden Geschichte (das Wellenrauschen des Meditationspodcasts im Ohr und die schwarze Katze, die im echten Leben gerade von rechts die Straße überquert) werden ineinander eingesetzt und wie beliebige Synapsen collageartig miteinander verbunden. Als Kuratorin interessieren mich jene komplexen Kollagen, die bereits im Alltäglichen entstehen, sowie die Überspitzungen, neuen Blickwinkel und Perspektivwechsel, die das Erfahren künstlerischer Interventionen diesen zufälligen Überschneidungen noch hinzufügen kann. Das ist in besonders starkem Maße im öffentlichen Raum möglich, wo das alltägliche Treiben (beispielsweise das Wetter) sowie historische Spuren (koloniale Straßennamen und Denkmäler) nicht wegzudenken und kritiklos ausblendbar sind und sich unumgänglich in jedes Parallelereignis einhaken: Die Realität schreibt sich in die künstlerische Inszenierung ein und umgekehrt.
Vom Streifzug durch den öffentlichen Raum zur künstlerischen Strategie
Ein Blick zurück in die Kunstgeschichte zeigt, dass bereits im 20. Jahrhundert performative Interventionen und Methoden der künstlerisch angeleiteten Spaziergänge im öffentlichen Raum erprobt und durchgeführt wurden, die wesentliche Grundpfeiler für die heutige Performancekunst legten. Vertreter*innen des Surrealismus um André Breton nutzten in den 1920er-Jahren planlose Streifzüge durch Paris, um die Stadt als psychogeografischen Resonanzraum zu erkunden. Diese Spaziergänge hatten kein…
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