Lektüren
Noemi Smolik
Malewitschs Ohrfeige dem modernen Geschmack
von Michael HAUFFEN
von Michael HAUFFEN
Das Schwarze Quadrat kann als einer der großen Meilensteine am Beginn des 20. Jahrhunderts gelten. Aber ist es auch verstanden worden? Aufgrund früher Zweifel an den Zuordnungen, die das Werk des Kasimir Malewitsch erfahren hat, begann die im Prag des Kalten Krieges aufgewachsene Kunsthistorikerin Noemi Smolik schon früh, den diesbezüglichen Ungereimtheiten nachzugehen. Dann vom Westen aus verfolgte sie diese Recherche über die Jahre weiter. Denn je mehr sie die großenteils unübersetzten russischen Texte aus jener Zeit studierte, desto deutlicher wurde, wie falsch der Eindruck war, den die westliche Geschichtsschreibung vermittelte. Ihr gilt er nur als grobschlächtiger Teil einer Bewegung, deren eigentliches Zentrum in Paris lag und deren Ziel die moderne Utopie einer rational kontrollierten Moderne ist. Aus den vielen Zeugnissen und Belegen, die das Buch in immer wieder neu ansetzenden Erzählsträngen zusammenträgt, ergibt sich jedoch ein völlig anderes Bild. So orientierte sich Malewitsch sehr viel mehr am „Osten“, also an der tief religiös geprägten Kultur, die dem Westen als primitiv galt. Die systematische Verkennung durch den „Westen“ wertet Smolik als Fall von (post-) kolonialer Arroganz und hält dem das Potential einer russischen Spiritualität entgegen, die nicht nur zu treffendem Witz und mutigem Einsatz befähigt, sondern auch, wie schon Marx hatte zugeben müssen, eine nachhaltige Form von bäuerlichem Sozialismus ermöglichte. Eben dieser Quelle fühlten sich die Künstler*innen des Kreises um Malewitsch verbunden und von daher verstanden sie sich auch als Teil der Revolution, die sich allerdings bald brutal gegen ihre besten Kräfte richtete….