Vom Tanz mit dem zentnerschweren Pinselpendel
Zur Malerei von FABIENNE VERDIER
von Doris von DRATHEN
Wenn jemand die Malerin Fabienne Verdier kennt, dann wegen ihrer langen Lehrzeit bei den Meistern chinesischer Maltradition. Zuvor aber hatte sie an der Akademie der Beaux Arts in Toulouse italienische und flämische Renaissance-Malerei studiert. Daher rühren ihre energetischen Farbkontraste, oder ihre abgestuften Malgründe im Giotto-Blau. Gefehlt hatte ihr an der Akademie der Raum für ein intuitives Erahnen der ungreifbaren Magnetfelder zwischen Mensch und Universum. Auf dieser Suche studierte sie Chinesisch am orientalischen Sprach- und Kulturinstitut (Inalco) in Paris, wanderte schließlich nach China aus und schlug ihre Ateliers in Peking, Shanghai und Sichuan auf, wo sie sich am Fine Arts Institute eintrug.1
Die Bedingung des für sie wichtigsten Meisters, Huan Yuan in Sichuan, war, zehn Jahre zu bleiben. Bei ihm erlernte sie nicht nur die vertikale Pinselführung und die hohe Präzision der Schriftzeichen, sondern vor allem, die Essenz der Dingwelt und deren bewegte Gegenwart im Raum zu erfassen. Zeit und Raum universal zu denken, das Universum in seiner durchatmeten Gravitation zu begreifen, gehörte zu den Grundvoraussetzungen. Als die Künstlerin Mitte der 1990er Jahre nach Paris zurückkehrte, war sie fremd in der französischen Kunstwelt: Denn sie zeigte eine Anlehnung an chinesische Schriftzeichen und gleichzeitig eine abstrakte Malerei, die in keine westlich bekannte Kategorie passte. Zu sehen war in ihrer ersten Pariser Ausstellung der Galerie Joyce etwa eine mit schwarzer Tinte ausgeführte Serie von Stèles de pierres [Steinstelen]. Das waren schwere und dennoch flüchtige Setzungen, die auf hochformatigen schmalen Leinwänden erschienen….