Zeichenmaschinen
Zwischen Mechanik, Künstlicher Intelligenz und manueller Produktion
von Jenny GRASER
„[…] ein Computer ist nichts weiter als eine differenziert entwickelte Maschine“1, mit diesen wenigen Worten, formuliert 1978, gelingt es dem Schweizer Bildhauer Jean Tinguely (1925–1991) die zeitliche Distanz zwischen dem mechanischen und dem technischen Zeitalter zu überbrücken und seine eigenen, seit Mitte der 1950er Jahre entwickelten Maschinenreliefs und -skulpturen an die sich stetig und rasend schnell weiterentwickelnde Technik zu binden. Mit seinen Zeichenmaschinen, den sogenannten Méta-Matics, die er zwischen 1959 und 1961 konstruiert2, schlägt er eine weitere Brücke: Der Künstler delegiert das an die menschliche Hand gebundene Zeichnen an eine Maschine. Er setzt damit eine bereits in der frühen Neuzeit einsetzende Tradition der Automatenkunst fort und ebnet den Weg bis in die KI generierte Zeichenkunst.
I. Jean Tinguelys Zeichenmaschinen. Ein synäshtetisches, plastisches Ereignis
Tinguelys erste Méta-Matics bestehen aus einem dreibeinigen Unterbau mit aufgesetzter Drahtoder Eisenkonstruktion, die mit abstrakten Flächenformen bestückt ist. Für den Antrieb der Maschinen sorgen ein Motor und Keilriemen. Zudem sind ein Klemmbrett für ein Blatt Papier und die Halterung für einen Stift, der wiederum je nach Belieben ausgetauscht werden kann, angebracht. Die Méta-Matics werden, je nach Modell, durch den Einwurf einer Münze, per Knopfdruck oder durch die Betätigung einer Kurbel in Gang gesetzt. Der von diesen Maschinen abgeleitete Cyclograveur (1960) lädt Ausstellungsbesucher*innen dazu ein, sich auf die Maschine zu setzen und in Fahrradpedale zu treten, um den Zeichenprozess einzuleiten.3
Ist die Maschine in Betrieb genommen, gleitet oder hüpft der zuvor eingesetzte Stift in hektischen Bewegungen über das Papier und bringt dabei…