Zwischen den Zeilen
Meret Oppenheim und Lynne Tillman
von Isabel Mehl
Während das autobiografische Schreiben sich der Annäherung und dem tieferen Verständnis des Selbst und seiner Zusammenhänge widmet, perspektiviert die Autofiktion das Material „Leben“ unter dem Blickwinkel des Darstellungsinteresses, das sich an der Funktion der Verwendung der Ich-Perspektive ausrichtet.
Ausgehend von dem Interview Don’t Cry: Work – Lynne Tillman interviews Meret Oppenheim 2 (1973) untersuche ich, wie das „Material Leben“ – die reale Begegnung zwischen Künstlerin und Schreibender – und die Schilderung dieser Begegnung in Beziehung zueinander stehen. „Don’t Cry: Work“ beschreibt das Aufeinandertreffen der Surrealistin Meret Oppenheim (1913–1985) und der New Yorker Autorin Lynne Tillman (*1947) in Paris 1973. Das Künstler*innen-Interview zeigt sich hier als Textform, in der die Ich-Positionierung als Ausdruck des Gestaltungswillens und Formbewusstseins (Darstellungsinteresse) der Autorin erprobt wird. Mittels selbstreflexiver Verfahren destabilisiert und konstruiert Tillman die Position der Interviewerin und adressiert zugleich ihre Subjektivität als Filter der Kritikerin. Selbstreflexive Überlegungen der Autorin durchziehen den Text; Erwartungen an die Künstlerin werden adressiert, während narrative Setzungen die hier vollzogene Formung des Materials Leben betonen, bei der auch Humor, wie so oft bei Tillman, eine zentrale Rolle spielt. Erwartungen an das Künstler*inneninterview als Erklärungsmodell der Kunst aus erster Hand werden von Tillman aufgegriffen und laufen ins Leere. Auch andere Kunstkritikerinnen wie Lucy Lippard oder Carla Lonzi greifen die Montage, das Dialogische, Humor und Non-Linearität in ihren Texten aus der Zeit auf und zeigen, wie autofiktionale Strategien einen Zugriff auf das Material Leben ermöglichen, der das Verhältnis von Form und Inhalt im Sinne des…
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