Auftakt: Paris+ par Art Basel

21. Oktober 2022 · Nachrichten
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Paris+ par Art Basel tritt ganz einfach in die Fusstapfen der Foire Internationale d’Art Contemporain – als wäre die aggressive Übernahme des Pariser Kunstmarkts durch die brutale Verdrängung der alteingesessenen FIAC das Normalste der Welt. Die Schweizer okkupieren dieselben Orte, das Grand Palais Ephémère für die 150 Galerie-Stände, den Park der Tuilerien für 20 Aussenskulpturen, die Place Vendôme als silbernes Tablett für einen Künstler. Dieses Mal ist es Alicja Kwade, die in Nachbarschaft des Ritz und der großen Pariser Juweliere tonnenschwere Marmorkugeln plazierte und eine Treppe – die ins Nichts führt.

Das könnte zur Metapher für die Versprechen werden, die Chris Dercon gab, als er – damals Herr im Grand Palais – der Schweizer Messegesellschaft MCH einen Siebenjahrevertrag zusprach und der FIAC die kalte Schulter zeigte. Der Pariser Kunstmarkt sollte „mehr Event“ werden, mehr Design und vor allem französische Mode einbeziehen. Davon ist nach neun Monaten Arbeit an der Basler Variante so gut wie nichts zu entdecken – vielleicht zum Glück. Dass die Schweizer sogar den zentralen Standplan der FIAC übernommen haben, spricht allerdings für ziemliche Phanatsielosigkeit.
„Event“ scheint vor allem das öffnen der Basler Adresskartei zu sein: Amerikaner, Asiaten und die Europäer, die bereits auf den Basler Ablegern in Miami oder Hongkong einkaufen, mischen jetzt auch vermehrt in Paris mit. Wenn man die – nicht nur Schweizer – Gepflogenheit kennt, dass Galerien ihren Kunden bereits vor Messebeginn ihre Ware zum Kauf anbieten und angeblich ein guter Prozentsatz des Angebots schon vor dem Starttag verkauft ist, dann werden die Jubelrufe nach dem ersten Messetag kaum überraschen: „Zehn Werke in zwei Stunden verkauft!“
Es boomt also – nach dem Motto Money makes the world go round (vor allem der starke Dollar). Die Kunst selbst und eine adäquate Präsentation droht dabei auf der Strecke zu bleiben. Die Auswahl und Darbietung auf dieser ersten Paris+ ist so abgesichert und gezielt komerziell, dass man am liebsten Ai Weiweis Puzzle einer riesigen Nachbildung in Legosteinen von Giorgiones Venus auseinandernehmen und langsam wieder zusammensetzen möchte. Erstaunlich ist die Vielzahl von Rückgriffen auf kunsthistorische Vorbilder, aber auch das Angebot so klassischer Werte wie Lucio Fontana oder Alberto Giacometti. Am Rande der Pracht-Boulevards mit den illustren Galerien aus den USA und Europas Kunstmetropolen werden einige junge Galerien quasi geduldet – die sich recht brav und gesittet geben.

Die Attraktion der Pariser Kunstszene beruht in erster Linie auf der soliden Arbeit der Museen und Institutionen, zu denen private Stiftungen ebenso wie internationale Galerien zählen. In diesem Herbst lockt vor allem die Fondation Vuitton mit einer Gegenüberstellung der Malerei von Joan Mitchell und Claude Monet; das Palais de Tokyo und Lafayette Anticipations zeigen zwei Kapitel von Cyprien Gaillards „Humpy Dumpy“; der Petit Palais präsentiert Ugo Rondinone, Alice Neel hat im Centre Pompidou einen grossen Auftritt etc, etc.
Der Mann, der die FIAC der Basler Art nach allen Regeln Schweizer Bankgeschäfte opferte, Chris Dercon, verlässt die Schaltstelle der Réunion des Musées Nationales, die ihm den deal überhaupt ermöglichte. Er kommt in der kleinen, durch ein ambitioniertes und abwechslungsreiches Programm bekannten Fondation Cartier unter – wo er bis zu seiner Pensionierung (Jahrgang 1958) hoffentlich nicht alles umkrempelt. (AHa)

https://parisplus.artbasel.com/ bis 23.10.2022

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