Ben J. Riepe, Holy Shit – A Human Experience

In starken, geradezu überwältigenden Bildern verkörperte Ben J. Riepe vom 20.- 22. März im Düsseldorfer Tanzhaus nrw sein neues Stück Holy Shit. A Human Experience.
Eine kollektive Erfahrung, die Bereitschaft verlangt. So wurde es im Programm angekündigt. Am Eingang bitte die Schuhe ausziehen und ja, Partizipation ist gefragt, eine Information, die schon am Schuhregal durch die prompt etwas angespannt wirkenden Gesichter geistert. Aber Entspannung wird versprochen – und erfolgt. Wir betreten einen Ort „zwischen Kathedrale, Lounge und künstlichem Horizont“. In einem komplett weißen Raum sitzen wir zunächst unter einem großen zeltartigen Tuch auf dem mit einem weichen Teppich ausgekleideten Tanzboden und beginnen mit einer yogischen Atemübung, dem Pranayama. Einatmen – Atem halten – Ausatmen. Holy Shit ist ein neues Stück, das nach einer längeren Produktionspause entstanden ist und Riepe steht nach Jahren der Ensemblearbeit wieder selbst als Solist auf der Bühne. 100 Minuten lang. Mit so vielen Menschen habe er das auch noch nicht gemacht, sagt er gleich zu Beginn. Es sei ein Stück, das sich aus allem zusammensetze, was er jemals gemacht habe, aus Tanz, der „Schule des Erlebens“, aus Workshops, Yogaerfahrungen und aus dem Leben selbst.
Ben J. Riepe (*1979) hat Tanz und Choreografie an der Essener Folkwang Universität studiert, sieht seine Arbeit aber zwischen Tanz und Bildender Kunst angesiedelt. Wenn man das überhaupt noch so grundsätzlich unterscheiden will. Die Wiederaufführbarkeit der Bühnendarstellung löst sich in der Einmaligkeit der Performance auf. Keine Aufführung, sondern eine performative Aktion und wir sind als Zuschauer*innen involviert, aufgefordert, den Abend und alles, was geschieht zu erleben. Wir atmen zusammen, stehen auf, bewegen die Arme, beginnen zu tanzen. „Bleibt bei mir!“ ruft Riepe in den Raum. Dynamik breitet sich im Kreis der Zuschauer*innen aus, die zu Akteur*innen geworden sind, in der rhythmischen Bewegung verbunden durch die sich ausbreitende Energie. Mit geschlossenen Augen vergeht Zeit, wieviel ist unbestimmt und auch gleichgültig. Irgendwann setzt Erschöpfung ein, wir lassen uns auf den weichen Teppich fallen, und Riepe beginnt (s)eine als Solo konzipierte Erzählung. Stroboskoplicht und Sounds, die an vieles erinnern, aber nichts eindeutig vorgeben, lassen das Publikum in einer Traumwelt versinken. Regenschauer und Sturmgeräusche begleiten Worte, von denen einige noch zu mir durchdringen, „wir werden durchnässt bis auf die Herzhaut“ zum Beispiel, aber bald kann ich der Erzählung nicht mehr folgen. Hier entsteht für mich eine Lücke im Geschehen, die mit meinen inneren Bildern gefüllt wird. Gedanken spielen traumhafte Szenen durch und ich entschwinde, begleitet durch das Lichtflackern, das auf meine geschlossenen Augenlider trifft, in meine eigene Welt.
Dann steht Riepe wieder mitten im Raum und bittet um Aufmerksamkeit. Er berichtet von persönlichen Erfahrungen, von einer Welt, die geprägt ist, nicht nur von Tanz und Rhythmus, sondern vor allem auch vom Algorithmus seines Social Media Feeds, in dem es um Kapitalismuskritik geht, um Diversity und Gerechtigkeit, um ökologische Umbrüche, permanente Beschleunigung und um Einsamkeit. Ständig zwischen Utopie und Dystopie wechselnde Bilder werden aus seinem Feed an die Wand projiziert, wir scrollen mit den Augen mit, können hören und beobachten, wie Menschen von ihren Erfahrungen berichten, aber zentral ist die Person Ben J. Riepe. Die Berichte seines eigenen Lebens überlagern sich mit den Stimmen der Internetrealität, einer Realität, die sich als KI gesteuerte Hölle dem Geschehen rauschend hinterlegt, aber an Intensität nicht mithalten kann und nicht so lange im Gedächtnis bleibt, denn persönliche Fragmente, intime Momente zentrieren sich im Körper des Tänzers, der sich drehend unserer Mitte preisgibt, schonungslos zeigt, was ihn ausmacht. Wenn er in den Spiegel schaue, erkenne er sich nicht erzählt Riepe. Das passiere nicht nur manchmal, sondern immer. Da ist (s)ein Körper, (s)ein Gesicht mit Bart und Augen, die ihn anblicken. Aber wer ist er? Sogar in Delphi sei er gewesen, habe das Orakel befragt. Der Verweis auf die berühmteste und bedeutendste Weissagungsstätte der Antike, der Nabel der damaligen Welt, an dem die Priesterin Pythia aufgesucht und um Rat gefragt wurde, setzt bildhaft die Vorstellung von Prophezeiungen, Heiligen und Gottheiten in Gang. Und Riepe selber wird zum Visionär. Ich vergesse meinen eigenen Körper – der sich nach den 100 Minuten gebannten Kauerns auf dem Boden allerdings wieder bemerkbar machen wird – während ich zusehe, wie er sich dreht und dabei, ohne jemals anzuhalten von seinen beiden Assistent*innen (Izaskun Abrego und Dominik Wieçek, der auch für die großartigen Kostüme verantwortlich ist) in immer andere Gewänder gekleidet wird, so dass er permanent in neue Rollen schlüpft. Wie beim Social Media Trend des Morphing, bei dem ein ständiger fließender Wechsel von Ansichten derselben Person in verschiedenen Phasen des Lebens gezeigt wird, verändert sich die Rolle des Tänzers und er verwandelt sich unablässig vor unseren Augen. Er trägt einen riesigen, schwarzen Trainingsanzug, wird zur mit glitzersteinen besetzten Whore und zur Heiligen, zur Figur des kettenhemdbesetzten Ritters, zum grünfellig zotteligen Natur-Geschöpf oder zum Hybrid mit gehörnter Maske, Schulterschutz und hängender Jeans über dem mit einem gekreuzigten Jesus verzierten String. Aus klumpigem Lehm auf seinem Gesicht entsteht eine Maske und am Schluss wird sein ganzer Körper schließlich mit weißer Farbe bemalt und mit einem Schleier bekrönt. Licht, Sound und Stimmen, aber vor allem die starke Präsenz seines Körpers sowie die Bilder, die durch ihn entstehen, nehmen uns mit in eine andere Welt, in ein Universum, in dem das human experience als Erfahrungsraum konzipiert ist, um damit – bei der Bereitschaft, sich darauf einzulassen, Widerstände zu überwinden und Gedanken abzuschalten – einen Erlebniszustand zu erreichen, der die eigene Wahrnehmung reflektiert und einen Impuls für ein Nachdenken über das eigene Sein in der Welt setzt.
Am Ende sind alle dabeigeblieben, Riepe verweist erschöpft und dankend auf einen neuen Tempel, der auf diese Weise entstehen kann, ein Raum der Gemeinschaft. Auch wenn dieser erstmal eine Utopie darstellt, so ist es eine, die an diesem Abend denkbar geworden ist.
(Ann-Katrin Günzel)
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