Biennale Venedig: Deutscher Pavillon als „Ankersentrum“ in den Giardini eröffnet

10. Mai 2019 · Biennalen
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Neben dem Deutschen Pavillon steht eine scheinbar anonyme Person – gleichzeitig belebte und unbelebte Substanz – mit einem riesigen Steinkopf maskiert. Heute eröffneten Natascha Süder Happelmann und ihre persönliche Sprecherin Helene Duldung mit einprägsamen Worten von Rosa Luxemburg sowie einer Publikation vom NO LAGER Refugee Camp Osnabrück den Deutschen Pavillon auf der 58. Biennale Venedig. Die beiden, die schon auf ersten Pressekonferenz des Deutschen Pavillons im Oktober 2018 gemeinsam auftraten, haben diesen für die Laufzeit der Biennale von Venedig zum ›Ankersentrum‹ (Eigenschreibweise) erklärt, das einerseits auf die Übernahme des Pavillons sowie auf das Projekt Ankerzentrum der deutschen Flüchtlings- und Migrationspolitik verweist. Die einführenden Worte des Außenministers Heiko Maas, des Ifa-Präsidenten Ulrich Raulffs sowie der Vortrag der Kuratorin Franciska Zólyom bestärken die Thematik des multimedialen Projekts: Verweigerungsstrategien, die Frage nach Identität, Migration und Selbstbestimmtheit. Nicht nur die Kunst, sondern ebenso die Politik braucht Bewegungen, die Grenzen und Zusprechungen mittels kollektiven Bewegungen überwindet.

Das Ankersentrum (surviving in the ruinous ruin) „besteht aus einer raumgreifenden Installation, die mit ihren baulichen, skulpturalen und klanglichen Elementen den Raum des Deutschen Pavillons für eine unmittelbare somatische Erfahrung öffnet…“ So umfasst das Innere des Pavillons zahlreiche Stein-Installationen, eine gewaltige Mauer, Ruinenkonstrukte und ein Tomaten-Verkaufsplakat, das an einer Pyramide aus Gemüsekisten angelehnt zu sein scheint. Mitten drin Natascha Süder Happelmann – ein Name, den die allgemeine Kunstwelt bis vor Kurzem kaum zuordnen konnte. Verständlich, denn hinter der Kunstfigur Happelmann, deren Pseudonym unbestreitbar an den bayrischen Ministerpräsidenten und an ‚Hampelmann’ erinnert, steht Natascha Sadr Haghighian, die bereits an der dOCUMENTA 13 und an der Manifesta 7 in Trentino vertreten war. Für die Bespielung des Deutschen Pavillons hat sie mit der Kuratorin Fraciska Zólyom, Leiterin der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, sowie sechs MusikerInnen und KomponistInnen eine raumgreifende Installation geschaffen, die Handlungsweisen und Identitäten in der Kunst wie auch in der Gesellschaft mittels kollektiven Schaffensprozessen hinterfragt. Wer entscheidet, was das Eigene und das Fremde, was Mensch oder Natur ist? Trillerpfeifen-Klänge, die aus 48 Lautsprechern das „Tribute to Whistle“ beschließen, verschwimmen mit dumpfen Klängen der Umgebung. Die vielschichtige Wahrnehmung irritiert und stößt mehrere Interpretationsprozesse gleichzeitig an: Migration, Identitätsverlust und Aneignung – eine in Beschlag genommene Ruine – umgewidmet und umgebaut –, die auf das ruinöse Handeln unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen weiß. Begleitet wird die Eröffnung in Venedig von der Veröffentlichung des letzten von drei Videos Hampelmanns auf der Website des Deutschen Pavillons sowie von Konzerten, der DLF-Sendereihe ›con-tribute‹ und Vorträgen der Summerschool ›beyond repair‹, die in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Künste Bremen, der Università Iuav di Venezia und der Biennale Urbana organisiert wird. Mehr dazu: https://deutscher-pavillon.org; das umfangreiche Gespräch von Heinz-Norbert Jocks mit Franciska Zólyom, Kuratorin des Deutschen Pavillons der 58. Biennale Venedig, folgt im kommenden KUNSTFORUM Biennale-Sonderband 261; ab sofort vorbestellbar.

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