Diskussionen um Zukunft von Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle

2. März 2026 · Personalien

Die Diskussionen um die US-amerikanische Filmfestivaldirektorin Tricia Tuttle, die seit April 2024 die Berlinale leitet, gehen weiter. Nachdem Kulturstaatsminister Weimer eine Krisensitzung zur Zukunft der Intendantin der Berlinale einberief, meldete sich nun auch der Bundeskanzler Friedrich Merz zu Wort und forderte eine rasche Klärung der Diskussionen um die künftige Ausrichtung der Berlinale und die Zukunft von Tricia Tuttle. Dabei mahnte er einen respektvollen Umgang miteinander an. Denn Tuttle wird aktuell in teils hitzigen Debatten stark angegriffen. Dabei steht zunehmend insbesondere die Einmischung Weimers als übergriffige Anmaßung der Politik in die Kultur und als Eingriff in die freie Meinungsäußerung in Frage.

Der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille führte aus, dass die im Raum stehenden Vorwürfe ausgeräumt werden müssen. Weiterhin sagte Hille, dass Tuttle „auch zum Ende der Berlinale in einer vernünftigen Rede den richtigen Ton getroffen und zur Vereinnahmung der Kunst durch die Politik sich geäußert“ habe. Der Deutsche Kulturrat plädierte ebenfalls dafür, sich für die Kunst- und Meinungsfreiheit einzusetzen und eine Unabhängigkeit der Berlinale vor staatlichen Eingriffen zu sichern.

Tricia Tuttle selbst positionierte sich deutlich, indem sie das Filmfestival als notwendigen Ort der freien Meinungsäußerung beschrieb: „Die Berlinale ist kein Ort des Schweigens. Es ist ein Ort, an dem Künstler sprechen, auch wenn das manchmal unbequem und umstritten ist. Aber wenn wir nicht sprechen – wer weiß, was dann geschieht.“

Hintergrund dieser Diskussionen sind Auseinandersetzungen rund um den Nahostkonflikt während des Filmfestivals. Denn nachdem der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib für seinen filmischen Beitrag „Chronicles From the Siege“ als bestes Spielfilmdebüt ausgezeichnet wurde, kritisierte er in seiner öffentlichen Dankesrede die deutsche Bundesregierung für ihre Haltung bezüglich des Gaza-Krieges. Alkhatib bezeichnete die Bundesregierung als Partner „des Völkermords im Gazastreifen“.

Während der Filmfestspiele gab es verschiedene Debatten zur Positionierung des Festivals gegenüber dem Nahostkonflikt. Etwa 80 Filmschaffende warfen der Berlinale vor, sich nicht ausreichend zum Gaza-Krieg zu positionieren. In einem offenen Brief der Berlinale-Leitung vorgeworfen, propalästinensische Stimmen zu zensieren, was Tuttle zurückwies. Zu diesem Zeitpunkt hielt Weimer noch zu der 56-jährigen Tuttle und dem Präsidenten der Jury Wim Wenders. So ließ Weimer nach der Preisverleihung mitteilen, dass das Filmfestival für politische Destruktion missbraucht werde und spitzte zu, dass die „Pali-Aktivistenszene auf der Berlinale mit Israel-Hass, Aggressivität und Bekenntnisnötigungen ihre hässliche Fratze gezeigt“ habe. Doch diese Haltung änderte er sodann.

Tuttle, die die Berlinale nun zum zweiten Mal leitete und zuvor das Filmfestival in London verantwortete, wird von mehr als 500 Beschäftgten der Berlinale unterstützt, die sich in einem gemeinsamen Statement hinter die Festivaldirektorin gestellt haben. Sie schreiben: „Wir – das Team der Berlinale, egal ob fest angestellt, auf Vertrag, als Freelancer und kooperierende Institutionen – kommen aus ganz unterschiedlichen Ecken, aber in einer Sache sind wir uns absolut einig: Wir stehen voll und ganz hinter der großartigen Tricia Tuttle als unserer Intendantin. Man kann es nicht anders sagen: Der KBB-Aufsichtsrat hätte keine bessere Wahl treffen können. Tricia ist klug, handelt fair und hat immer ein offenes Ohr. Niemand brennt mehr für die Werte, die dieses Festival für das Kino hier in Deutschland und weltweit so wichtig machen.“

Weitere rund 700 Filmschaffende, die nicht für die Berlinale tätig sind, plädieren ebenfalls in einem offenen Brief gegen eine potenzielle Abberufung der aktuellen Intendantin aufgrund der diesjährigen Ereignisse. Sie weisen darauf hin, dass hier nicht nur eine individuelle Personalie zur Debatte stünde, sondern die künstlerische Freiheit verhandelt werde und die institutionelle Unabhängigkeit der Filmfestspiele in Frage stehe.

Dazu in Band 307 erschienen:


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