documenta-fifteen Halbzeit: Fahrenholtz lehnt Abbruch ab

5. August 2022 · Kulturpolitik
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Kurz vor der Halbzeit der documenta fifteen lehnt documenta Geschäftsführer Alexander Fahrenholtz den Abbruch, wie jetzt auch noch vom American Jewish Committee gefordert, weiterhin ab. „Ich habe nicht das Gefühl, dass die Stimmung auf der documenta solche Forderungen widerspiegelt“, lässt ihn der Wiener „Der Standard“ zu Wort kommen. Außerdem stelle der Aufsichtsrat in Bezug auf die künstlerische Leitung ruangrupa klar: „Die kuratorische Verantwortlichkeit bleibt in Ihren Händen“, und Farenholtz bekräftigte dies ebenso. Er nahm Ruangrupa auch gegen den Vorwurf einer mangelhaften PR-Politik in Schutz: „’Die Mitglieder sind viel in der Ausstellung unterwegs und im direkten Kontakt mit dem Publikum.‘ Interviews seien ihre Sache nicht: ‚Ihre Sprache ist die Ausstellung, der Dialog vor Ort, nicht die Pressemeldung.’“, zitiert ihn die HNA-Hessisch-Niedersächsische Allgemeine.

Das Land Hessen und die Stadt Kassel haben aufgrund der Antisemitismus-Vorwürfe gegen die d15 ein fachwissenschaftliches Begleitteam eingerichtet. „Sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit herausragender wissenschaftlicher Expertise in den Bereichen Antisemitismus, Perspektiven aus globalen Kontexten und Postkolonialismus, Kunst sowie Verfassungsrecht werden die documenta in den kommenden Monaten fachwissenschaftlich begleiten“ Seine Arbeit nahm das Team mit einem Paukenschlag auf: „Das neue Gremium zur Aufarbeitung der Antisemitismusvorfälle bei der documenta in Kassel hat die Geschäftsführung der Kunstschau kritisiert“, meldete „Zeitonline“. „Die Fachleute für Antisemitismus fühlen sich bevormundet“ nannte die „FAZ“ als Grund für die Kritik, die sich vor allem gegen den documenta-Geschäftsführer Alexander Farenholtz richtet. Dessen Position, „dass weder weitere Kunstwerke aufgrund antisemitischer Inhalte entfernt werden müssten noch eine systematische Prüfung der Werke notwendig sei, widersprechen einem fachlichen und ergebnisoffenen Dialog“, beschwerte sich das  Gremium. „Wir sind… irritiert, dass die Leitung der documenta trotz dieses Bekenntnisses zur Offenheit in dem Moment, in dem das Gremium eingesetzt wird, das ihre Arbeit begleiten soll, wesentliche Fragen des Umgangs mit antisemitischer Kunst festzulegen scheint“, heißt es weiter.

Seitens des Kurator*innen-Teams ruangrupa fürchtet man hingegen Zensur: Das künsterische Leitungsteam publizierte unter dem Titel „Censorship Must Be Refused: Letter from lumbung community“ ein Statement auf der Internet-Plattform e-flux. Ruangrupa lehnt nach erneutem Antisemitismus-Vorwurf wegen einer algerischen Broschüre eine umfassende externe Begutachtung der Ausstellung ab, weil in ihren Augen dieses Gremium eine Art Zensurausschuss sein könnte. Zugleich beschwert sich das kuratorische Leitungsteam, der documenta-Aufsichtsrat habe acht Monate lang „Rassismus und Gewalt ignoriert“ („We are deeply disappointed that you chose to ignore the racism and violence that the artists and the artistic direction and team have been exposed to over the past eight months“). Deswegen habe Ruangrupa kein Vertrauen in solch eine Expertise.

Deutschland-Funk Kommentator Fittkau hingegen plädiert für „Hilfe von außen“ für die restlichen 50 d 15-Tage. „Auch wenn die documenta beendet wäre, der Antisemitismus wäre damit nicht aus der Gesellschaft verschwunden. Im Gegenteil: der Mythenbildung wäre Tür und Tor geöffnet, dass 1.450 Künstler und Künstlerinnen aus dem globalen Süden in Deutschland in Kollektivhaftung dafür genommen werden, dass vielleicht 50 ihren Hass vor allem auf Israel ausgelebt haben.“

Kritischer zeigt sich Thomas E. Schmidt „Zeitonline“ : „…Ruangrupas wiederholte Bitten um Nachsicht richteten sich an Deutsche, nie an Juden. Das heißt: Die Documenta selbst erkennt bis heute in judenfeindlichen Darstellungen kein grundsätzliches Problem, sondern nur den lokalen Verstoß, also in der Art, wie man anderswo zu viel nackte Haut auf Bildern anstößig findet. Diese Position lässt sich nicht länger halten.“ Gleichzeitig tritt Schmidt jedoch auch dafür ein, die kuratorischen Freiheiten nicht zu beschädigen und meint in Bezug auf das fachwissenschaftliche Begleitteam, das eine „Durchsicht“ der Ausstellung vornehmen will: „Das wäre wünschenswert, wenn diese Aufarbeitung dann die Fortsetzung der öffentlichen Debatte ist, ausdrücklich unter Einschluss auch der Ruangrupa-Position. Denn nur so kann die Institution Documenta fortgeführt werden: zwanglos, trotz des hart ausgefochtenen Streits mit Worten. Der Eingriff des Strafrechts oder der Politik würde alles ändern: Mit der kulturellen Freiheit wäre es in Kassel auf einen Schlag vorbei.“

 

 

 

 

 

 

 

 

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