documenta fifteen Halbzeit: Farenholtz gegen frühzeitigen Abbruch“

1. August 2022 · Kulturpolitik
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Das künstlerische d 15-Leitungsteam Ruangrupa publizierte jüngst unter dem Titel „Censorship Must Be Refused: Letter from lumbung community“ ein Statement auf der Internet-Plattform e-flux. Ruangrupa lehnt nach erneutem Antisemitismus-Vorwurf wegen einer algerischen Broschüre eine umfassende externe Begutachtung der Ausstellung ab, weil in ihren Augen dieses Gremium eine Art Zensurausschuss sein könnte. Zugleich beschwert sich das kuratorische Leitungsteam, der documenta-Aufsichtsrat habe acht Monate lang „Rassismus und Gewalt ignoriert“ („ We are deeply disappointed that you chose to ignore the racism and violence that the artists and the artistic direction and team have been exposed to over the past eight months“). Deswegen habe Ruangrupa kein Vertrauen in solch eine Expertise. Der Aufsichtsrat stellte allerdings klar: „Die kuratorische Verantwortlichkeit bleibt in Ihren Händen“, und documenta-Geschäftsführer Alexander Farenholtz bekräftigte dies ebenso. Er nahm Ruangrupa auch gegen den Vorwurf einer mangelhaften PR-Politik in Schutz: „’Die Mitglieder sind viel in der Ausstellung unterwegs und im direkten Kontakt mit dem Publikum.‘ Interviews seien ihre Sache nicht: ‚Ihre Sprache ist die Ausstellung, der Dialog vor Ort, nicht die Pressemeldung.’“, zitiert ihn die HNA-Hessisch-Niedersächsische Allgemeine. Einen Abbruch der laufenden documenta, wie jetzt auch noch vom American Jewish Committee gefordert, lehnt Farenholtz ab. „Ich habe nicht das Gefühl, dass die Stimmung auf der documenta solche Forderungen widerspiegelt“, lässt ihn der Wiener „Der Standard“ zu Wort kommen. Warum Kommunikation und Kontextualisierung auf der d 15 so schwerfällig ablaufen, versuchten die „Stuttgarter Nachrichten“ zu erklären: „Das hat mit dem Konzept dieser Documenta zu tun. Denn das offiziell eingesetzte Kuratoren-Kollektiv hat die künstlerische Verantwortung weitergereicht und andere Kollektive aus verschiedensten Ländern eingeladen, Orte in Kassel autonom zu bespielen. Dieses Konzept der Gemeinsamkeit lässt sich aber nur schwer vereinbaren mit der öffentlichen Forderung, Verantwortung zu übernehmen und zu reagieren. Einerlei, ob Ruangrupa die Broschüre entfernt oder einen Kommentar gefordert hätte, es wäre aus ihrer Sicht ein massiver Eingriff in die Tätigkeit der Aktivistinnen, deren Archiv man doch dezidiert nach Kassel eingeladen hat. Dass in der öffentlichen Debatte immer wieder der Vorwurf laut wurde, Ruangrupa sei säumig oder ignorant, hat also damit zu tun, dass sich das indonesische Kuratoren-Team nicht als Entscheider sieht, der eigenmächtig in Prozesse eingreift – und sich auch nicht durch den öffentlichen Druck in diese Rolle drängen lassen will….“ Aber genau das führte zu dem Dilemma, dass die Fronten nun völlig verhärtet sind und eine vernünftige Diskussion über künstlerische Freiheit und Zensur kaum noch möglich ist. Auf der einen Seite monierten z.B. soeben die „Ruhrbarone“ in ihrem Blog, dass „die Death-Metal-Band Hazeen und deren Musiker Safdar Ahmed als member des Lumbung der documenta 15“ in Kassel auftreten durften; denn Ahmed sympathsiere mit der anti-israelischen Boykottbewegung BDS: „BDS is necessary“ soll er gesagt haben. „Damit kein Missverständnis aufkommt: Kritik an der oft menschenverachtenden und völkerrechtswidrigen Siedlungspolitik Israels in den besetzten Gebieten muss jederzeit möglich sein… Doch ebenso ist es unerträglich, die israelische Armee mit den faschistischen Zerstörern von Guernica im spanischen Bürgerkrieg gleichzusetzen oder orthodoxe Juden mit SS-Verbrechern – beides war bei der documenta 15 zu sehen“, kommentierte Ludger Fittkau im „Deutschlandfunk“. So findet auf der anderen Seite der Kontrahenten laut Berliner „Tagesspiegel“ Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, „dass die Documenta ‚von Ideologen gekapert‘ worden sei, denen es vor allem darum gehe, die Existenz des Staates Israel zu delegitimieren. Die Verantwortlichen zeigten einen ‚fortgesetzten Unwillen‘, sich mit ‚antisemitischen Entgleisungen innerhalb der Ausstellung‘ auseinanderzusetzen“. Die Halbzeitbilanz nach 50 Tagen d 15 fällt daher „verheerend“ aus: „Die documenta 15 geht weiter – die Skandale auch“, titelte der „Deutschlandfunk“. Kommentator Fittkau plädiert für „Hilfe von außen“ für die restlichen 50 d 15-Tage. „Auch wenn die documenta beendet wäre, der Antisemitismus wäre damit nicht aus der Gesellschaft verschwunden. Im Gegenteil: der Mythenbildung wäre Tür und Tor geöffnet, dass 1.450 Künstler und Künstlerinnen aus dem globalen Süden in Deutschland in Kollektivhaftung dafür genommen werden, dass vielleicht 50 ihren Hass vor allem auf Israel ausgelebt haben.“

Dazu in Band 283 erschienen:

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