documenta: ruangrupa sieht wissenschaftliche Begleitkommission kritisch

15. August 2022 · Kulturpolitik
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Während der hessische Ministerpräsident Boris Rhein einen vorzeitigen Abbruch der documenta wegen diverser Antisemitismus-Vorwürfe ablehnt, weil dies „das Ende der Weltkunststellung“ überhaupt bedeuten würde, äusserten sich Mitglieder des kuratorischen Teams ruangrupa kritisch über das externe wissenschaftliche Begleitteam, das die documenta bei der Aufarbeitung des Eklats beraten soll. Ministerpräsident Rhein hatte gegenüber der HNA-Niedersächsischen Allgemeine erklärt: „Wichtig ist jetzt, dass die Experten mit den Kuratoren und der Generaldirektion darüber diskutieren, was geht und was nicht“. Er mahnte an, die „Kuratoren und Generaldirektion“ seien „sehr gut beraten, sich auf das hochkarätig besetzte Expertengremium einzulassen.“ Dem ruangrupa-Kollektiv scheint dies jedoch zu missfallen, denn in einem Interview mit der „SZ-Süddeutschen Zeitung“ beklagte es sich: „Es geht nicht um die Expertinnen und Experten, sondern darum, wie das Team installiert wurde. In Indonesien haben wir bis heute mit staatlicher Zensur zu kämpfen, viele Werke auf der Documenta, zum Beispiel die von Taring Padi, beschäftigen sich damit.“ Aber trotz anhaltender Kritik würden sie es nicht bereuen, nach Kassel gekommen zu sein: „Natürlich ist es riskant, uns als künstlerische Leitung zu engagieren“. Eine Überforderung mit solch einem Großprojekt könne man ihnen auch nicht vorwerfen: „Wir haben Erfahrung mit der Organisation von Veranstaltungen in Jakarta. Das ist eine Stadt mit zwölf Millionen Einwohnern. Die Documenta wird voraussichtlich knapp eine Million Besucher haben, so viele Leute leben dort in meinem Viertel! Sie ist nicht zu groß für uns“, behauptete ruangrupa-Mitglied Reza Afisina. Sein Kollege Farid Rakun hält die Atmosphäre auf der documenta allerdings für „vergiftet“; viele Künstler*innen fühlten sich in Kassel „nicht willkommen“. Rakun beschwerte sich auch über die strikten Visa-Regelungen – viele Kunstschaffende müssten schon nach 90 Tagen wieder ausreisen. Die Antisemitismus-Kritik hält ruangrupa für „unverhältnismäßig“: „Wenn es nicht der Antisemitismus wäre, dann wäre es etwas anderes, das ist seit Januar klar und wird täglich klarer.“ Rakun gesteht allerdings ein, ruangrupa habe „Fehler gemacht“, das Taring Padi-Bild hätte nicht gezeigt werden dürfen; wehrt sich aber gegen eine Bevormundung durch das wissenschaftliche Begleitteam: „Man kann es schönreden, genau das haben sie ja hier auch gemacht. Aber als wir zuerst in dem öffentlichen Statement davon gelesen haben, hieß es sehr wohl, dass sie das Recht haben, Werke zu entfernen und Künstlerinnen und Künstler auszuladen. Diese Angst bleibt.“

Dazu in Band 283 erschienen:

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