Erneut Streit bei der Documenta

13. September 2022 · Kulturpolitik
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Wer gehofft hatte, die documenta werde in ihrer Schlussphase nun freundlicher zu Ende gehen als sie im Juni 2022 begann, wurde in den vergangenen Tagen eines Besseren belehrt. Die Kommission, die mit externer Expertise die d 15 wissenschaftlich begleiten und dabei vor allem den Antisemitismus-Vorwürfen nachgehen soll, legte soeben einen Bericht mit einer „ersten Einschätzung“ vor. „Als ‚dringlichste Aufgabe‘ sieht es das Gremium an, die Vorführung der unter dem Namen ‚Tokyo Reels Film Festival‘ gezeigten Filmkompilation des Kollektivs ‚Subversive Film‘ zu ’stoppen‘: propalästinensisches Propagandafilmmaterial aus den Sechziger- bis Achtzigerjahren“, fasste die „Frankfurter Rundschau“ zusammen. Das Gremium hatte dazu zwei Presseerklärungen veröffentlicht. U.a moniert es: „Israel wird ein ‚faschistischer‘ Charakter vorgeworfen und unterstellt, einen ‚Genozid‘ an den Palästinensern zu betreiben – es wird dadurch mit dem nationalsozialistischen Deutschland gleichgesetzt. Eine solche Gleichsetzung der israelischen Politik mit der der Nationalsozialisten ist etwa nach der Definition der International Holocaust Remembrance Alliance, die von vielen Nationen, darunter auch einigen Ländern des Globalen Südens, übernommen wurde, als antisemitisch zu bewerten…“ Die Stadt Kassel und das Land Hessen stellten sich hinter das Gremium: „Die Gesellschafter schließen sich dem Votum der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an, wonach die Tokyo Reels des Kollektivs Subversive Films nicht mehr gezeigt werden sollen“, heißt es in einer Presseerklärung von deren Seite.
Das kuratorische Kollektiv ruangrupa reagierte darauf vergrätzt, lehnte einen Stopp der Filmreihe ab und veröffentlichte auf „e-flux“ einen Offenen Brief, in welchem die Mitglieder diese Definition des International Holocaust Remembrance Alliance ablehnen.„Wir sind wütend, wir sind traurig, wir sind müde, wir sind uns einig“, beklagt sich ruangrupa. In deren Augen stellt der Vorbericht des Gremiums „eine neue Grenze dar, die überschritten wird, und wir lehnen sie kategorisch ab: Diese Linie markiert eine rassistische Abweichung in einer schädlichen Struktur der Zensur.“
Diese Erwiderung wurde in Teilen des Feuilletons als zu „aggressiv“ empfunden. Die documenta erweise sich nun „offen und ehrlich als antisemitisch“, schreibt Stefan Laurin auf der Blog-Seite der „Ruhrbarone“, und die Frankfurter Rundschau sekundiert, der Antisemitismus auf der d 15 sei „jetzt (fast) amtlich“. „Die Welt“ konstatiert, die d 15 scheitere an ihrer Vermittlung: „Die Unfähigkeit mit Kritik umzugehen, zeigen aber nicht nur die künstlerisch Verantwortlichen. Das Gremium kommt zu dem Schluss, die Organisation der Documenta scheine ’nicht darauf eingestellt zu sein, im Falle interner oder öffentlicher Kritik an dem Projekt oder der künstlerischen Leitung zu vermitteln‘. Damit erhöht sich der Druck auf die Documenta zwei Wochen vor ihrem planmäßigen Ende noch einmal erheblich.“ Johannes Schneider kommentierte in der „ZEIT“: „Spätestens mit einer vernichtenden ersten Stellungnahme von Mitgliedern jener Expertinnenkommission, die die documenta seit einigen Wochen in Fragen des Antisemitismus begleitet, und der heftigen Reaktion diverser Künstlergruppen und des Kuratorinnenkollektivs ruangrupa ist seit dem Wochenende klar, dass es hier wirklich nichts mehr zu reden gibt.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ wirft ruangrupa eine „Täter-Opfer-Umkehr“ vor: „Nicht die Juden, die in der wichtigsten deutschen Kunstschau monatelang als Aggressoren und Übeltäter dargestellt und diffamiert werden, sind also die Leidtragenden, sondern jene, denen man nahelegt, weniger zu hassen und zu diffamieren… Der gesamte Apparat Documenta braucht nach dieser historischen Blamage einen Neustart, und nur mit etwas Glück reichen die fünf Jahre bis zum nächsten regulären Termin. Die laufende, fünfzehnte Documenta aber müsste eigentlich nicht Ende kommender Woche beendet werden. Sondern sofort.“

Dazu in Band 283 erschienen:

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