Flugblätter in der Diktatur

26. Juni 2017 · Aktionen & Projekte
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Mit provokanten Aktionen sucht das „Zentrum für politische Schönheit“ die Öffentlichkeit. Die Initiative um den Theaterregisseur und Aktionskünstler Philipp Ruch etikettiert ihre Projekte als „aggressiven Humanismus“ – zuletzt machte die Gruppe im Sommer 2016 Schlagzeilen, als sie den Vorplatz des Berliner Maxim Gorki Theaters mit vier lebendigen Tigern in eine Gladiatorenarena verwandelte und annoncierte: „Wir suchten Flüchtlinge, die bereit sind, sich wegen des Beförderungsverbots für Flüchtlinge (§ 63 Abs. 3 AufenthG) fressen zu lassen.“ Die jüngste Aktion des Zentrums rekurriert auf die Geschwister Hans und Sophie Scholl, die mit der Münchener Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ Flugblätter gegen die Nazi-Diktatur verbreiteten, deswegen vom Hausmeister der Münchener Universität denunziert und 1943 hingerichtet wurden. In einer Pressemitteilung behauptete das Zentrum für Politische Schönheit, es habe „für die Bayerische Staatsregierung bundesweit den Schülerwettbewerb ‚Scholl 2017 – Von der Vergangenheit lernen‘ ausgerufen. Zum 75. Jubiläum der Weißen Rose sollen die Widerstandstaten der Geschwister Scholl in die heutige Zeit übersetzt werden. Die Staatsminister Joachim Herrmann und Ludwig Spaenle suchen junge Menschen, die bereit sind, in eine Diktatur ihrer Wahl zu reisen und Flugblätter gegen das Regime zu verbreiten…“ Dazu erklärte gegenüber „Kunstforum international“ Elena Schedlbauer, Sprecherin des „Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst“: „Die angekündigte Aktion ‚Scholl 2017‘ des sog. ‚Zentrums für Politische Schönheit‘ ist kein Projekt des Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst. Das Staatsministerium hat die Aktion weder initiiert noch sie unterstützt. Es verurteilt die Verbreitung von Fake-News wie in diesem Fall. Fake-News führen zur Irritation und Manipulation der Menschen.“ Eine „Einheit“ des Zentrums für politische Schönheit schritt wenige Tage später in Istanbul zur Tat und verteilte dort im Gezi-Park angeblich 1.000 Flugblätter gegen Erdogan. Dazu behauptete das Zentrum, es hätten sich „weit über 70 Kandidaten zur Teilnahme bereit erklärt“. In Deutschland lebende Türken hätten das Flugblatt verfasst: „Erdogan und die AKP haben aus der Türkei eine offene totalitäre Diktatur gemacht…“ Ob diese Meldung stimmt, ist auch nicht seriös belegt, und auch nicht die Behauptung, die Polizei habe in einem Hotelzimmer einen Fotokopierer gefunden, der die Flugblätter per Fernbedienung hergestellt haben soll. Die „Süddeutsche Zeitung“ jednefalls meldete Zweifel an: „Es kann kaum im Interesse eines Künstlers sein, dass sein Publikum ihm misstraut, dass es an Fragen hängen bleibt wie:… Sind die Flugblätter überhaupt von echten Schülern verfasst?… Diese Verwirrung verhindert eine tatsächliche Auseinandersetzung mit den Themen, die angeblich im Vordergrund stehen sollen…“ Die martialische Formel „Tod dem Diktator“ in diesem Flugblatt ist freilich wohl eher als eine Parodie auf den Agitprop-Jargon in den Jahren nach der Russischen Revolution zu verstehen, den in Deutschland 1925/27 die Theaterbewegung der KPD übernahm, die sich selbst damals „Erste Agitpropgruppe des KJVD Berlin“ nannte, und so schließt sich ein zeithistorischer Kreis zur „radikal neuen Form des Theaters“ der etwa 70 Personen starke Aktionskünstler-Truppe um Philipp Ruch. www.politicalbeauty.de

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