Global Brainstorming in Lyon

10. Dezember 2016 · Aktionen & Projekte
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In Sachen Globalisierung erleben wir derzeit einen semantischen Paradigmenwechsel: als Anfang der 1990er Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, der vier Jahrzehnte lang Ost- und Westeuropa trennte, mithin nach dem Ende des Kalten Krieges und der Auflösung der Sowjetunion die Grenzen offen waren, dadurch eine größere Reisefreiheit herrschte und zugleich die technische Innovation mit Personal Computern und Mobiltelefonen die elektronische Kommunikation beschleunigte, begriffen wir dies als eine Chance für mehr Freiheit im Verkehr von Personen, Ideen und Waren, mehr Austausch, für eine Intensivierung der Kommunikation, mehr Offenheit, und auch mehr an gegenseitiger kultureller Bereicherung. Gegen die fatalen neoliberalen kapitalistischen Auswüchse einer Globalisierung der Ökonomie protestierten aber schon sehr früh die Aktivisten von „attac“, und heute versuchen Politiker wie Donald Trump durch nationale Abschottung einen globalen Strukturwandel aufzuhalten, den man aber im Gegensatz zu solch einer Strategie z.B. im Ruhrgebiet – weil australische Kohle auf dem Weltmarkt einfach billiger ist und dadurch einen globalen Wettbewerbsvorteil hat – rechtzeitig durch eine vernünftige Subventionspolitik abfederte, die das einstige Kohle- und Stahlrevier entlang von Ruhr und Emscher inzwischen in halbwegs prosperierende Gewerbezentren für die postmoderne Kreativwirtschaft umwandelte. Doch wo man woanders solche strukturpolitischen Maßnahmen versäumte, versuchen Demagogen und Populisten auf perfide Weise die Ängste derjenigen aufzufangen, die sich als Globalisierungs- und Modernisierungsverlierer fühlen, weil sie um ihre Arbeitsplätze und um ihre Zukunft fürchten und das Tempo gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen sie mental überfordert: Einer, der diese Umwälzungen vor allem in medienkultureller und kommunikativer Hinsicht schon sehr früh künstlerisch begleitet hat, ist der Siegburger Künstler Hermann-Josef Hack mit seinem Projekt „Global Brainstorming“. Hack rief dieses Projekt vor 25 Jahren, mithin in der eben geschilderten Euphorie der frühen 1990er Jahre ins Leben, „um mit den kommunikativen Möglichkeiten der Kunst Menschen zur Teilhabe an der aktiven Gestaltung des sich wandelnden Planeten anzuregen.“ Dass Hack dieses Projekt jetzt im Goethe-Institut Lyon vorstellen darf (bis zum 1. März 2017), ist in der aktuellen Zeitstimmung in Europa und den USA durchaus als ein Politikum zu begreifen. Der Künstler zeigt dort großformatige Gemälde auf Zeltplanen als Metapher für die Nomadisierung und Migration als eine der Begleiterscheinungen der Globalisierung – eine Konsequenz von „Global Brainstorming“ ist z.B. die Gründung einer „Flüchtlingsakademie der Freien Künste“ durch Hack und seinen Mitstreiter Andreas Pohlmann. „Parallel zur Ausstellung lädt Hack in verschiedenen Kultureinrichtungen Lyons die Öffentlichkeit ein, sich an seinem neuen Projekt NYMPHOSE GLOBALE zu beteiligen. Ideen für eine aktive Gestaltung des notwendigen Wandels werden von den Teilnehmer/innen auf speziellen Bildträgern festgehalten, um nach einer Zeit der Verpuppung (Nymphose) der Allgemeinheit enthüllt zu werden.“

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