„I Feel the Earth Whisper“, Jubiläumsausstellung 20 Jahre Museum Frieder Burda

24. Juni 2024 · Museen & Institutionen
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Ein Ausstellungsbericht von Thomas W. Kuhn

2004 eröffnete in Baden-Baden das Museum Frieder Burda für die private Kunstsammlung des Unternehmers. Das 20-jährige Jubiläum feiert die private Institution im lichten Bau Richard Meiers nun mit einer Gruppenausstellung, die das Haus zur Gänze nutzt. Kuratiert von Patricia Kamp und Jerôme Sans vereint die Schau vier künstlerische Positionen, die im doppelten Sinn ortsspezifisch sind. Bianca Bondi (*1986 Johannesburg), Julian Charrière (*1987 Morges), Sam Falls (*1984 San Diego) und Ernesto Neto (*1964 Rio de Janeiro) setzten sich mit der umgebenden Natur des Schwarzwalds, respektive der Beziehung Mensch und Natur sowie mit Baden-Baden als Kurort auseinander. Der Titel verrät hierbei eine spirituelle Ausrichtung.

Für den großen Hauptsaal des Gebäudes schuf Ernesto Neto ein raumgreifendes Environment unter dem Titel „The Birth of Contemporous Blue Tree“ aus handgehäkelter, verschiedenfarbiger brasilianischer Baumwolle. Umgebende bläuliche textile Bänder markieren eine Grenze zum restlichen Bau, im Inneren hängt eine Art Ballon von der Decke bis zum Boden herab und bildet einen begehbaren Raum im Raum. Dieser Ort beinhaltet Musikinstrumente, die zum Klingen gebracht werden können. Der Künstler versteht diese Struktur als Baum und Mittler zwischen Himmel und Erde. Duftende Kräuter und tropfenförmig von der Decke herabhängende Steine erweitern die sinnliche Erfahrbarkeit dieser Plastik, die neben Selbsterfahrung auf soziale Interaktion abzielt. Auch Sam Falls trennt seinen Ausstellungsraum mit dem Titel „Waldeinsamkeit“ durch eine Art Vorhang ab, bestehend aus Edelsteinen, die mit heilenden Kräften assoziiert werden. Ein großformatiges Leinwandbild entstand im Schwarzwald unter Verwendung örtlicher Pflanzen sowie Pigmenten, die dann dem Wetter und Sonnenlicht ausgesetzt wurden und so schemenhaft ihre Spuren auf den Bildträgern hinterließen, ergänzt mit älteren Werken, in denen hier die Silhouette eines Bootes und dort eine menschliche Gestalt zu erkennen gibt. Bianca Bondi holt den Wald selbst in den Raum hinein, mit aufragendem Astwerk und Moosen, begleitet von Schalen gefüllt mit Flüssigkeiten. Eine monochrome Wandtapete zeigt einen urwüchsigen Wald, darauf im fortlaufenden Rhythmus platziert kleinere Wandarbeiten, meist mit Naturmotiven besetzten Textilbildern, ergänzt durch natürliche Objekte und kleinen fotografischen Souvenir-Bildern, die im Zusammenhang mit Baden-Baden stehen. Schließlich verweist Julian Charrière explizit auf den möglichen Verlust ökologischer Systeme und Ressourcen durch die Bewirtschaftung der Natur durch den Menschen. „Where Clouds Become Smoke“ hat der Künstler seinen Beitrag betitelt, darin seine neue Videoinstallation „Calls for Action“, die Live-Bilder aus einem Regenwald in Ecuador auf zwei Projektionsflächen überträgt und den Erhalt dieses Biotops unterstützen soll.

Die vier Positionen der Ausstellung verbinden sich thematisch und optisch harmonisch und treffen den Zeitgeist einer erhöhten Sensibilität für den Umgang des Menschen mit der natürlichen Lebenswelt. Unter Verzicht auf Schockmomente ist der Apell zu ihrem Erhalt eher implizit und nicht plakativ formuliert, im Kontrast zu vermehrten öffentlichen Protesten. Die Schau bedient eine Vorstellung von Schönheit, nicht ohne esoterische Nuancen, die vielleicht einen gewissen Eskapismus, die Idee eines Idylls befördern. Harmlos und unkritisch ist das Ganze dennoch nicht, falls die Sensitivierung des Publikums für das Risiko eines Totalverlusts gelingt.

Museum Frieder Burda
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr und an allen Feiertagen
Ausstellungsdauer: 15.6. bis 3.11.2024
www.museum-frieder-burda.de

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