Kulturszene protestiert gegen AfD-Kulturpoltitik

15. März 2016 · Kulturpolitik
Bookmark (0)
Please login to bookmark Close

Nach dem Wahlerfolg der AfD bei drei Landtagswahlen im März 2016 hat Jeanine Meerapfel, Präsidentin der Berliner Akademie der Künste, vor dieser Partei gewarnt und eine Beobachtung durch die Verfassungsschutzbehörden eingefordert. Auch der Deutsche Kulturrat wandte sich vehement gegen die kulturpolitischen Vorstellungen der AfD: Die Bühnen „sollen stets auch klassische deutsche Stücke spielen“, hatten die Rechtspopulisten im sachsen-anhaltinischen Wahlkampf gefordert. Auch Museen und Orchester sollten aus Sicht der AfD künftig einen „positiven Deutschland-Bezug“ fördern. Der Deutschlandfunk brachte diese Idee einer deutschtümelnd anmutenden Kulturpolitik auf die Formel: „Richard Wagner statt Giuseppe Verdi, Andrea Berg statt Madonna: So ungefähr lautet das kulturpolitische Wahlprogramm der AfD.“ Die Kulturkonferenz von Sachsen-Anhalt, in der sich 19 Kultureinrichtungen zusammen geschlossen haben, sieht das „Grundrecht der Kunstfreiheit“ bedroht, wenn Intendanten nicht mehr autonom über den Spielplan von Opernhäusern und Theatern bestimmen könnten. Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat verweist auf die bewährte strikte strukturelle Trennung zwischen denjenigen, die Kunst produzieren, und denjenigen, die sie finanzieren. Dass sich geldgebende Kulturämter oder Sponsoren in die inhaltliche Gestaltung einer Ausstellung oder eines Konzertprogramms einmischen, war im demokratischen Deutschland bislang strikt verpönt. Nach den Erfahrungen mit zwei Diktaturen will hier zu Lande aus gutem Grund keiner mehr staatliche Instanzen haben, bei denen man sich als Autor oder Verlag z.B. erst einmal einem „Druckgenehmigungsverfahren“ unterziehen müsste wie in der DDR ab 1956, wo es zwar offiziell keine Zensur gab, wo aber gleichzeitig ohne grünes Licht seitens der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur kein Theaterstück und kein Gedichtband publiziert werden durfte. Natürlich werden auch künftig an hiesigen Bühnen z.B. Friedrich Schillers „Die Räuber“ und die Oper „Porgy and Bess“ von George Gershwin gespielt, ohne dass ein AfD-Kulturfunktionär letzteres verhindern könnte. Aber wenn es um eine deutsche Leitkultur gehen soll, dann kann diese eben nur in einem europäischen Kontext verankert sein, d.h. in einer Traditionslinie der französischen und britischen Staatstheorien der Aufklärung im 18. Jh., der Ideale der Französischen Revolution 1789 und der Demokratiebewegungen in Deutschland seit dem Vormärz nach 1830. Die konkrete rote Linie dazu, die nicht überschritten werden darf, weder von religiösen Eiferern noch von Nationalkonservativen, wird von den ersten 19 Artikeln unseres Grundgesetzes vorgegeben. Zu dieser verfassungspatriotischen Leitkultur (d.h. „Verfassungspatriotismus“ im Sinne des Politologen Dolf Sternberger und des Philosophen Jürgen Habermas) gehören als Conditio sine qua non u.a. das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2), die Gleichheit aller vor dem Gesetz, daraus folgernd dann ebenso die Gleichberechtigung in der Gesellschaft (Art. 3), und die Freiheit der Kunst (Art. 5). Dass in der Kulturszene so vehement gegen die AfD-Kulturpolitik polemisiert wird, hat sehr viel mit den unguten Erfahrungen aus der jüngeren Geschichte zu tun, die – anders als in Frankreich, wo wohl ein gewisser Konsens darüber zu bestehen scheint, dass per Gesetz die Radiosender dazu verpflichtet sind, 40 Prozent ihres Programms mit französischsprachiger Musik zu bestreiten – eben für viele kein unbefangenes Verhältnis zu einem Begriff von Nationalkultur zulässt, vor allem dann nicht, wenn er politisch aufgeladen ist. Was der NS-Ideologe Alfred Rosenberg 1929 in seinem Kampfbund-Manifest „Die Geisteswende. Kulturverfall und seelische Wiedergeburt“ niederschrieb und dann von 1933 bis 1945 als eine Rückbesinnung auf „arteigene“ deutsche Kulturwerte in Deutschland als offizielle kulturpolitische Leitlinie propagiert wurde, galt nach 1945 als obsolet. Damit dies auch künftig so bleibt, rufen Kulturrats-Geschäftsführer Olaf Zimmermann, der Künstler Philipp Ruch vom „Zentrum für politische Schönheit“ und andere Repräsentanten der Kulturszene zu Protest und Widerstand auf.

Bookmark (0)
Please login to bookmark Close

Weitere Nachrichten


DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Zeichne!

Von der Linie zur Kunst

02 Stefan Marx, Zusammenstellung von 4 Zeichnungen aus der Serie: Zeichnung / Drawing, Berlin 2022, © Stefan Marx

Zeichne!

Ein Instrument fürs Leben, Denken und die Kunst.

Romain Fueler, Ohne Titel, 2022, Alkoholmarker, 21 × 25 cm, © Romain Fueler

Gezeichnet

Sieben aktuelle Positionen

Markus Vater, 2023, in Installation Dark Dogs Frightened Cats Z3 Contemporaries , Schwäbisch Hall, © Foto: Markus Vater, VG Bild-Kunst Bonn 2026

Markus Vater

Es kann überall passieren. Zeichnen ist ein ins Außen verlagertes Denken

Jean Tinguely, Méta-Matic No. 1, 1959, Metall, Papier, Filzstift, Motor, 96 × 85 × 44 cm, Centre Pompidou-CNAC-MNAM, Paris, Inv. Nr. AM1976-544, © bpk / CNAC-MNAM, Foto: Philippe Migeat

Zeichenmaschinen

Zwischen Mechanik, Künstlicher Intelligenz und manueller Produktion

Kristian Jarmuschek, Foto: © Clara Wenzel-Theiler

Ein Medium mit sehr intuitivem, spontanem und emotionalem Potenzial

Ein Interview mit Kristian Jamuschek

Nadine Fecht

Nadine Fecht

Mit 9.000 Kugelschreibern – Modell einer offenen Gesellschaft

Isabelle Brourman, Eröffnungsplädoyers, Prozess wegen Schweigegeldzahlungen, 22.4.2024, Mischtechnik auf handgeschöpftem Shizen-Papier, 48 cm × 64 cm, © Courtesy: Isabelle Brourman; Kommentar der Künstlerin: Die Staatsanwaltschaft legte der Jury dar, dass Trump ein Verbrechen gegen die Demokratie begangen habe. Blanche, Trumps Anwalt, stimmte zu, dass es sich um eine politische Angelegenheit handele – eine Hexenjagd der Staatsanwaltschaft gegen seinen Mandanten

Zeichnen im Gerichtssaal

„Ein Theaterstück mit den extremsten Konsequenzen“

Lee Quiñones © Foto: Stanley Lumax

Lee Quiñones 

Zeichnen war der erste Schritt um die Herausforderungen der Yards zu meistern. Über das Zeichnen in der New Yorker Graffiti-Szene

Michael Tedja, Foto: Tom Haartsen

Michael Tedja

Die Realität ist, dass das Bild ohne Fiktion nicht existieren kann.

Heidi Bruck, Die drei Figuren, 2014, Buntstift auf Papier, 70 × 100 cm, © Courtesy: Galerie ART CRU Berlin, Heidi Bruck

Art Brut aktuell?

Die Galerie ART CRU Berlin und ein Begriff in der Diskussion

Jeff Wall

Kontrollierte, aber unvorhersehbare Prozesse

Vom Tanz mit dem zentnerschweren Pinselpendel

Zur Malerei von Fabienne Verdier

Inge Krause, Foto: Jenny Schäfer

Inge Krause

Irisglimmen

Galerie Mathias Güntner 8.11.2025–28.2.2026

Orlan, Défiguration–refiguration, auto-hybridation précolombienne nr 4, 2016, Mobilier national, Paris, Inv. Nr. BV 511, VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Welt aus Fäden

Bildteppiche der Moderne

Museum der Bildenden Künste 11.12.2025–12.4.2026

Cauleen Smith vor ihrer Arbeit Parrots and Ravens, 2025, Foto: Andre Germar

Cauleen Smith

The Volcano Manifesto

Kestner Gesellschaft 12.12.2025–22.3.2026

Ed Atkins, Warm, Warm, Warm Spring Mouths, 2013, HD Video, Dauer 12 Min. 50 Sek., Farbe, Ton, Installationsansicht Incarnate, Langen Foundation und Julia Stoschek Foundation, Foto: Simon Vogel

Incarnate

Langen Foundation 9.11.2025–22.3.2026

Jana Gunstheimer, Into the Garden, 2025, Leimfarbe, Pigment, Lack auf Papier, 176 × 227 cm, Copyright: Jana Gunstheimer, Foto: Jana Buch, Neue Galerie Gladbeck

Jana Gunstheimer

Treibstoff

Neue Galerie 28.11.2025–15.2.2026

John Bock, Hell’s Bells, Summenmutation, 2017, Video, 2017, Farbe 89:26 Minuten, Installationsansicht aus Nixnutz Climax in Haus Mödrath – Räume für Kunst, © John Bock, Courtesy: der Künstler und Sadie Coles HQ, Foto: David Schultz

John Bock

Nixnutz Climax

Haus Mödrath – Räume für Kunst 12.10.2025–30.8.2026

Ausstellungsansicht Kerstin Brätsch, M TAATEM, MUNCH Oslo 2025, Foto: Ove Kvavik

Kerstin Brätsch

MƎTAATEM

Kunstmuseum Bonn 11.12.2025–12.4.2026

Asta Gröting, Foto: Jennifer Endom, © 2024 Asta Gröting, VG Bild-Kunst, Bonn

Asta Gröting

Ein Wolf, Primaten und eine Atemkurve

Städel Museum 5.9.2025–12.4.2026

Ulla von Brandenburg, Ein roter Schatten und ein grüner Geist, 2025, Installationsansicht Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Christian Kleiner

Ulla von Brandenburg

Von Rot bis Grün, alles Gelb vergeht

Wilhelm-Hack-Museum 29.11.2025–6.4.2026

VENEDIG
BIENNALE