Leipzig: Schornsteinbemalung unerwünscht

20. Oktober 2017 · Aktionen & Projekte
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In Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Otto Brenner Stiftung führten Wissenschaftler der Universität Leipzig 2016 eine Studie über „autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland“ durch und veröffentlichten sie unter dem Titel „Die enthemmte Mitte“. „Die hohe Zustimmung zu autoritären Gesellschaftsformen, eine weit verbreitete Unzufriedenheit mit dem realen Wirken von Demokratie und die Abwertung sozial schwacher Gruppen sind nicht allein aus der sozioökonomischen Situation zu erklären. Offensichtlich führt ein Komplex aus ungerechter ökonomischer Teilhabe, politischer Exklusionen und Verunsicherungen in Bezug auf soziale Zugehörigkeit in der globalisierten Moderne zu antimodernen, antipluralistischen und völkisch-nationalistischen Affekten“, so die Analyse der Heinrich Böll-Stiftung. Immerhin stimmten 21,9 Prozent der Befragten dem Satz zu: „Die Frauen sollen sich wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen.“ 41,4 Prozent würden am liebsten Muslimen „die Einwanderung nach Deutschland untersagen“; fast genauso viele, nämlich 40,1 Prozent, finden es „ekelhaft“, wenn sich „Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen“, 49,6 Prozent sähen am liebsten „Sinti und Roma aus den Innenstädten verbannt“, und 33,8 Prozent fürchten eine Überfremdung „in einem gefährliche Maß“ durch „die vielen Ausländer“. Diese Studie nahm das Künstlerkollektiv Mailand Innenhof zum Anlass, um fünf alte Industrieschornsteine in Leipzig in „Säulendiagramme“ zu verwandeln, um diese Umfrageergebnisse anschaulich zu illustrieren. Das Ganze war eine subversive Aktion; die Künstler nennen sie „eigenmächtig“, und damit fanden sie allerdings keineswegs ungeteilten Beifall. Den Nutzern des ehemaligen Baumwollspinnereigeländes im Stadtteil Plagwitz mit seinen Künstlerateliers und Galerien war die Ummantelunmg der Schornsteine mit einem Plastikmaterial jedenfalls nicht willkommen. O-Ton des Aktivistenkollektivs über die Ablehnung der unerwünschten Kunst: „Die ihrerseits in Kunst- und Kulturkreisen prominente und angesehene Institution wehrt sich gegen die antidiskriminierende Kunstaktion. Sie kündigte eine Anzeige an, erteilte Hausverbot und plant die Installation auf Kosten des Kunstkollektivs entfernen zu lassen.“ Solche „guerillamäßigen“ Aktionen sind eine Spezialität des Künstlerkollektivs. An der Stuttgarter Stadtbibliothek brachten sie 2016 heimlich ein großes Transparent mit dem Text „I’m with stupid“ an, mit einem Pfeil, der auf das benachbarte Einkaufszentrum gerichtet war. Diese eher wolkig-kryptisch anmutende Inszenierung von „Konsumkritik“ kritisierte ein lokaler Radiokommentar als freilich „doch nicht so eindeutig“, doch derlei Einwände prallen bei den Kollektivkünstlern ab: schon 2015 verwiesen sie bei ihrer Aktion „Kota totale“ mit „1.041 künstlichen Kothaufen“ im Stadtraum von Stuttgart-Killesberg nämlich auf ein Heinrich Heine-Zitat: „Selten habt Ihr mich verstanden. Selten auch verstand ich Euch. Nur wenn wir im Koth uns fanden. So verstanden wir uns gleich.“ www.mailand-innenhof.org/de/

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