Mit dem Werk durch die Welt. Ein persönlicher Nachruf auf Guenther Uecker

13. Juni 2025 · Personalien
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Von Heinz-Norbert Jocks

Der Tod von Guenther Uecker kam nicht überraschend. Kaum erreichte mich in den frühen Morgenstunden in Peking die traurige Nachricht über WhatsApp, gleichwohl der große Schock, auch wenn ich während unseres letzten Telefonats vor wenigen Wochen dachte, dass dieses unser Letztes gewesen sein wird. Nach über 47 Jahren, die wir uns kannten und uns in Abständen immer wieder begegnet waren. Von Paris aus hatte ich ihn in der Hoffnung angerufen, wir könnten uns in Düsseldorf noch einmal treffen. Als er den Hörer abnahm, wartete er gerade auf das Taxi zum Flughafen. Schweratmig, kaum Luft bekommend, erzählte er mir, dass er die Eröffnung seiner Ausstellung „Huldigung an Hafez“ am 5. Mai 2025 im Nationalmuseum von Duschanbe in Tadschikistan nicht verpassen wolle, wo er noch nie zuvor gewesen war. Ihm werde dank des Botschafters, dem er mehrmals begegnet war und mit dem er ausführliche Gespräche geführt hatte, die ungewöhnliche Ehre zuteil, an diesem zwischen Orient und Okzident gelegenen, historischen Schauplatz von Herrschern und Eroberern als erster europäischer Künstler seine Werke zu zeigen. Er hätte aber das Gefühl, sich zu übernehmen, übermütig zu sein.

Ich weiß nicht, was mich dazu brachte oder bewog, ihm spontan zu raten: „Machen Sie die Reise. Sie werden ankommen, vor Ort glückliche Momente erleben und denken Sie nicht an das Danach. Das kann Ihnen egal sein“. Für die Ermutigung eines „treuen Begleiters durch sein Leben“, wie er mich bezeichnete, bedankte er sich sichtlich gerührt und so warmherzig, als hätte ich ihm aus der Seele gesprochen.

Von seinem Tod erfahrend, fragte ich mich, ob er tatsächlich nach Duschanbe geflogen war oder ob er sich durch die Ärzte, die ihn von der Reise abgeraten hatten, weil sie sein Leben verkürzen würde, von dem Plan im letzten Augenblick abgerückt war.

Zwei Tage später schließlich eine E-Mail von Jacob, seinem jüngsten Sohn aus der zweiten Ehe mit Christine (Steinfeld): „Das, was man nicht für möglich gehalten hat, ist eingetreten. Wie du sicherlich weißt, ist Günther verstorben. Er ist seit gestern bei uns zuhause, und du bist jederzeit bis Sonntag herzlich willkommen, dich von ihm zu verabschieden.“ Um Jacob mitzuteilen, dass mir die Annahme des Angebots leider nicht möglich sein werde, und weil ich erfahren wollte, ob er die letzte Reise angetreten hatte, rief ich ihn an. Und er bestätigte, dass Uecker in seiner und der Begleitung zweier befreundeter Ärzte neun Tage vor Ort verbracht, noch einen Einführungstext geschrieben und es ihn sogar in die Berge auf einer Höhe von 1200 Metern gezogen hatte. Am Tag des Geburtsages seines Sohnes war der Rückflug.

Voller Lebenslust und Willenskraft und all seine Kräfte und Energien noch einmal bündelnd, um seinem Werk nachzureisen, über das er in den Dialog mit den Menschen trat, war er aufgebrochen und, wie Jacob mir erzählte, vor Ort überaus vital, unternehmungslustig und so glücklich, als hätte wieder zu sich und seiner Kunst gefunden.

Das passt zu diesem außergewöhnlichen Mann, der mit hellwachem Geist und mehr wie ein Philosoph darüber reflektierte, was er mit eigenen Augen und Ohren erfahren und erlebt hatte, dabei stammelnd, weil nach Worten suchend und neue bildend, die ihm präziser erschienen. Er war ein Menschenfreund, einer, der Menschen mit offenen Armen, ohne Berührungsängste und so vorurteilsfrei wie humorvoll begegnete. Einer, der inbrünstig lachen konnte und die Diversität der Kulturen und Religionen so liebte, dass er sich damit auf Eindringlichste beschäftigte. Zutiefst erschüttert durch die barbarische Gewalt, die er schon als Kind während des Krieges erlebt hatte, empfand er die Brutalität und Menschenverachtung so tief, dass er „die Gefährdung des Menschen durch den Menschen“ thematisieren musste. Und da „die Verwundbarkeit des Menschen“ nicht das Unheil nur einer Kultur, sondern ein deprimierender, länderübergreifender Tatbestand ist, hatte er damit ein allgemeingültiges, jeden, egal welcher Kultur er entstammt, berührendes Thema gefunden. „Meine Werke verstehe ich als Aufruf und Mahnung. Denn die unalphabetische Sprache der Kunst, wie ich sie verstehe, lässt sich individuell von jedem, egal wo und in welchem Kulturbereich, verstehen. Offenbar hat sich über all die Jahre weder das Thema erschöpft noch die Gefährdung durch den Menschen vermindert“ So resümierte es Uecker mit tiefem Bedauern 2014 in der Cafeteria des Museo National de Bellas Artes wenige Tage vor seiner Vernissage in Havanna.

In den vielen Gesprächen, die ich mit ihm über Jahre führen durfte, war ich jedes Mal aufs Neue darüber verwundert und erstaunt, womit er sich alles auseinandersetzte. Ob Theater, Oper, Film, Philosophie, Literatur, Geschichte oder Soziologie, sein Hunger nach Wissen und seine Neugierde war grenzenlos, unstillbar, unersättlich und breitgespannt, weil er die Welt und das Leben verstehen wollte. Jedes Mal, wenn wir zusammenfanden, war ich überrascht, wie komplex und entgegen allen gängigen medialen Sehweisen er auf das Leben und die Welt mit all ihren Kontinenten blickte, die er bereiste. Sein Wissen war ein enzyklopädisches und sein Denken ein synthetisches. Durch Verknüpfung gelangte er zu Weisheiten und Einsichten, die manchmal eigentlich erschreckend hätten wirken können, die aber von einer Heiterkeit durchzogen waren, die Befreiung und Hoffnung bedeutete. Es verging nicht ein Gespräch, das nicht auch um die politische Situation kreiste, bis zuletzt. Wichtig war ihm, hinter die Vorhänge zu schauen und sich nicht von den einseitigen, von Machtinteressen geleiteten Blicken manipulieren zu lassen, weil diese den friedensstiftenden Dialog zwischen Menschen verschiedener Kulturen verhindert.  Das Besondere und Einzigartige war, dass er auf alles wie aus einer Ferne schaute, die ihn alles klarer, mit Abstand erfassen ließ, und immer wieder das typische „Uecker Lachen“.

Die COVID-Zeit empfand er als einen regelrechten Glücksfall, weil sie ihn aller Verpflichtungen entband, so dass er sich ohne Unterbrechungen und Störungen, voll und ganz, wie zu seiner Studentenzeit, auf das Arbeiten in seinem Atelier konzentrieren konnte. Um so heftiger litt er darunter, als seine physischen Kräfte allmählich nachließen und er nicht mehr ins Atelier fahren konnte, denn die Kunst war sein Leben und seine Art und Weise, über sie mit der Welt in Kontakt zu treten.

Er war mir ein geistiger Vater, der nie auf den Wellen des Zeitgenössischen surfte, sondern eigensinnig im besten Sinne des Wortes war. Wenn er dachte, war er tief in sich versunken, als würde er in sein Unterbewusstsein abtauchen, um seine Erinnerungen heraufzubefördern, und wenn er sprach, so kreierte er seine eigene Sprache, um so genau wie möglich an das heranzukommen, was in ihm dachte und sich erinnerte. Sein Abschied von der Erde erscheint mir trotz seiner 95 Jahre, die er hochgeistig erreicht hatte, unfassbar, wohl auch deshalb, weil er bis zu seinem Ende mitten in der Welt war.

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