Narrenfreiheit und Selbstzensur

21. Februar 2015 · Kulturpolitik
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Nach dem Attentat auf die Pariser Charlie-Hebdo-Redaktion und auf einen koscheren Supermarkt prägten Diskussionen um Narrenfreiheit und Selbstzensur die diesjährige Karnevalssession. Dass der Braunschweiger Rosenmontagszug abgesagt wurde, weil „aus zuverlässigen Staatsschutzquellen“ eine „konkrete Gefährdung“ durch einen „Anschlag mit islamistischem Hintergrund“ vorläge, verteidigte Wolfgang Bosbach, Vorsitzender des Innenausschusses im Deutschen Bundestag: das sei zwar „eine unglaublich schwere Entscheidung“ gewesen, aber der Staat „habe zugleich eine Verantwortung für den Schutz von Leib und Leben“. Bei der Bewertung der Umtriebe in der Braunschweiger und Wolfsburger „Salafistenszene“ durch den Verfassungsschutz habe sicherlich auch das Attentat auf ein Kulturzentrum und eine Synagoge in Kopenhagen am Karnevalssamstag eine Rolle gespielt, hieß es in Presseberichten. In Köln hatte Christoph Kuckelkorn, künstlerischer Leiter des Rosenmontagszuges, zunächst einen „Charlie-Hebdo-Wagen“ zurückgezogen, nachdem eine unglückliche PR-Strategie zu einer nicht mehr kontrollierbaren Eigendynamik in der öffentlichen Diskussion mit Angstszenarien geführt hatte. Schließlich schickte Kuckelkorn am Rosenmontag eine deutlich entschärfte Version des Entwurfs auf den Weg: ein Narr begießt ein zartes Bleistiftpflänzchen mit der Aufschrift „Narrenfreiheit“. Den ursprünglich vorgesehenen Wagen hatte der Zugleiter grau anstreichen und mit dem Text versehen lassen: „Dat is wat bliev! Dat freudeversprühende Grau“ als Anspielung auf den Verlust an Lebensfreude, den das Muckertum von religiösen Eiferern jeglicher Couleur hervorbringt. Im benachbarten Düsseldorf praktiziert der Wagenbauer Jacques Tilly schon seit dreißig Jahren bei der Gestaltung der Motto-Wagen eine weitaus schärfere Satire, und diesmal bekam das Publikum am Zugweg gleich vier Motiv-Wagen zum Pariser Attentat und zum Terrorismus radikaler Dschihadisten zu sehen: „Satire kann man nicht töten“ lautete die Botschaft. Woanders hingegen wehren sich die Obernarren gegen eine Instrumentalisierung ihres Umzugs für die politischen oder ökonomischen Interessen Außenstehender: Im Karnevalsumzug von Köln-Ehrenfeld z.B. ist laut Teilnehmersatzung „Werbung“ und „politische Propaganda“ generell unerwünscht, denn nur mit einer politischen und weltanschaulichen Neutralität kann das Narrentreiben seine verbindende und integrierende Kraft entfalten, so dass dort am Karnevalsdienstag die „KG Barbaranniter“ als Karnevalsgesellschaft der katholischen Kirchengemeinden St. Barbara und St. Anna, der türkische Verein Malatya e.V., italienische Schulkinder und eine bunte Künstlergruppe einträchtig miteinander durchs Viertel ziehen. Da im Vorfeld der tollen Tage sowohl die rechte „Pro Köln“-Partei als auch die lokalen Grünen ankündigten, Transparente mit Charlie-Hebdo-Motiv zeigen zu wollen, betonte der „Festausschuss Ehrenfelder Karneval“, sein Umzug solle „keinerlei Plattform für ein Statement oder Werbung in irgendeiner Art und Weise zu diesem Thema bieten“ und begründete dies vor allem mit der Sorge um die „Sicherheit aller Teilnehmer und Zuschauer“.

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