Reset Modernity

16. März 2016 · Preview
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Internationale Berühmtheit als Geisteswissenschaftler erreichte Bruno Latour 1979 mit seinem Buch „Laboratory Life“, in dem er die sogenannte Akteur-Netzwerk-Theorie beschreibt: was wir heute als wissenschaftliche Objektivität begreifen, ist in ein Netzwerk von agierenden Menschen und Objekten eingewoben. An seinem Buch „Existenzweisen“ durften im Internet 4.000 Diskutanten Kommentarbeiträge liefern und das Werk damit fortschreiben. Nachdem Bruno Latour bereits 2002 und 2005 an den großen Ausstellungen des ZKM Karlsruhe „Iconoclash“ und „Making Things Public“ maßgeblich beteiligt war, kuratiert der französische Philosoph nun zusammen mit einem Team zum Abschluss der Karlsruher „Globale“-Reihe die Ausstellung „Reset Modernity!“ (vom 16. April bis 21. August 2016 im ZKM Lichthof 8 und 9). Dem Team gehören Martin Guinard-Terrin, Christophe Leclercq und Donato Ricci an. Zu sehen sind Werke von Künstlern wie Jeff Wall und Pierre Hughes, jedoch nicht in einer statischen Ausstellung: nach einem ähnlichen Prinzip wie bei „Existenzweisen“ ist die Ausstellung „wie ein Verfahren“ aufgebaut. Die Besucher bewegen sich nicht einfach als Bilderkonsumenten durchs Museum, sondern sie „vergleichen verschiedene Kunstwerke, testen und kritisieren die Vorschläge der Kuratoren.“ Der Ausstellungstitel ist eine Metapher, wie man im Zustand einer Orientierungslosigkeit eine Neuausrichtung vornimmt, so wie beim Reset an einem Smartphone, „wenn der digitale Kompass verrückt spielt“. Das Verfahren hinge dann „von der Situation und dem Gerät“ ab, ganz im Sinne von Latours Akteur-Netzwerk-Theorie. In dieser Ausstellung gelte es nun, die „Moderne“ neu zu kalibrieren – diese Moderne mit ihrem technischen und sozialen Fortschrittsoptimismus war eine Methode, die es erlaubte, „zwischen Vergangenheit und Zukunft, Nord und Süd, Fortschritt und Rückschritt sowie radikal und konservativ zu unterscheiden“. Das „Unmoderne“ war das Rückständige, Altmodische und Veraltete. Mit der ökologischen Krise ist aber auch diese Moderne in eine Bewusstseinskrise geraten. Die Nuklearkatastrophen von Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 markieren eine Zeitenwende, die ein Ende euphorischer Technikgläubigkeit einläutete. Einer der Vorschläge an das Besucherpublikum befasst sich mit einer „Neuverortung des Globalen“, da wir ja immer noch vieles in der Welt aus einer lokalen Perspektive wahrnehmen. Der zweite Vorschlag fordert die Besucher dazu auf, „entweder ohne die Welt oder in ihr zu sein. Es befasst sich mit der äußerst eigentümlichen Art und Weise, mit dem die Modernen glauben, ihre Umgebung erfassen zu können: die starre Trennung zwischen Subjekt und Objekt“. Im dritten Kapitel geht es um den Begriff des Erhabenen im Anthropozän. Eines der seltsamen Dinge des ökologischen Wandels ist, dass es kein Außen mehr gibt: Alles, was außen war in der Umwelt, in der Natur ist jetzt wieder innen, und lastet auf unseren Schultern. In einem solchen Kontext ist es schwierig, das Erhabene noch so zu empfinden, wie es das 18. Jahrhundert hervorgebracht hat. Die Menschen sind über sich hinausgewachsen, doch ihre Seelen sind geschrumpft. Nun plötzlich fühlen sie sich für alles verantwortlich, ausgerechnet in einer Zeit, in der sie Teil einer geologischen Kraft geworden sind, über die sie keine Kontrolle haben…“ Zur Karlsruher „Globale“ hat „Kunstforum international“ zum Jahresbeginn 2016 einen Themenband veröffentlicht (Bd. 237). In diesem Band erschien auch ein Interview, das Heinz-Norbert Jocks mit Bruno Latour über „Reset modernity“ führte. www.kunstforum.de

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