VARIOUS OTHERS München: Christian Ganzenberg im Gespräch

4. September 2024 · Aktionen & Projekte
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von Ann-Katrin Günzel

Christian Ganzenberg (*1980) ist seit 2022 der Programmdirektor von VARIOUS OTHERS in München, das dieses Jahr vom 5.-15. September zum 7. Mal in Folge stattfindet. Mit dem Ziel, die zeitgenössische Kunst am Standort zu stärken, haben sich Galerien, Kunsträume, Sammler*innen und Kurator*innen zusammengetan, um die Kunstszene der gesamten Stadt erfahrbar zu machen. Jedes Jahr werden die teilnehmenden Institutionen, Galerien und Artist-Run-Spaces zu Gastgeber*innen, die nationale und internationale Gäste nach München einladen, um gemeinsame Ausstellungen zu realisieren. Somit ist eine Öffnung nach außen bereits in der Konzeption von VARIOUS OTHERS verankert. Zum Eröffnungswochenende vom 5.-8. September sind Events mit mehr als 200 Künstler*innen in insgesamt 40 Ausstellungen geplant. Das Ganze wird begleitet von Talks, Konzerten, Partys, Performances und Empfängen in Privatsammlungen.

Ann-Katrin Günzel: Bevor wir über das Eröffnungswochenende in München sprechen, würde ich gerne mehr über das Konzept und die Entwicklung von VARIOUS OTHERS erfahren. Könnten Sie es kurz skizzieren?
Christian Ganzenberg: Wie viele historische Beispiele begann auch VARIOUS OTHERS als eine „sezessionistische” Idee: Aufstrebende Münchner Galerien suchten nach einem Format, das sich in Bezug auf künstlerische Qualität, Repräsentation und internationale Ausrichtung von bestehenden Initiativen abheben sollte. Von Anfang an wollten diese Galerien die hiesige Kunstszene fördern und dazu beitragen, dass die Stadt als ein Ort für zeitgenössische Kunst wahrgenommen wird. Seit 2017 sind wir ein ganzes Stück weitergekommen, und aus der ursprünglichen Idee ist ein international wahrgenommenes und einzigartiges Format geworden, das jedes Jahr mehr als 40.000 Besucher*innen anlockt. Das Besondere an VARIOUS OTHERS ist, dass die Münchner Galerien und Artist-Run-Spaces jedes Jahr mit anderen Partner*innen kooperieren, um gemeinsam ein Ausstellungsprojekt zu realisieren. Die teilnehmenden Museen eröffnen zeitgleich ihre Ausstellungen und bieten darüber hinaus ein vielfältiges Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm für unsere Gäste an. Dadurch ist jede Ausgabe von VARIOUS OTHERS nicht nur einzigartig, sondern unser nationales und internationales Netzwerk wächst zudem kontinuierlich.

AKG: Sie nutzen neben den zahlreichen Eröffnungen das Wochenende dazu, um Menschen bei Führungen, Talks, Performances und gemeinsamem Essen zusammenzubringen. Das sind Formate, die immer wieder unterschiedliche Gruppen Kunstinteressierter von Studierenden über Fachjournalist*innen, Galerist*innen und Museumsdirektor*innen bis zu Sammler*innen Möglichkeiten des Austauschs verschafft, gehen auch die Einladungen an die „Partner*innen“ hieraus hervor?
CG: Ein zentraler Begriff bei VARIOUS OTHERS, der noch immer wichtig für unserer Arbeit ist, lautet Kollaboration. Damit ist nicht allein die Zusammenarbeit zwischen den Galerien und Projekträumen mit ihren (internationalen) Gästen gemeint, die sich jedes Jahr aufs Neue finden können. Das Spektrum dieser Partner*innen von internationalen Galerien, über Druckwerkstätten, Nachlässe, Sammlungen bis zur Kurator*innen oder Kritiker*innen, und ich bin sicher, dass sich diese Diversität in den kommenden Jahren noch steigern lässt, denn mit jedem Jahr wächst das Interesse an VARIOUS OTHERS.
Nicht minder wichtig ist für VO auch der Aspekt der Vernetzung innerhalb der Stadt: VO war von Anfang das Kind vieler Eltern, denn zu den Gründungsmitgliedern zählen nicht nur Galerien, Sammlungen, Projekträume, sondern auch die großen Museen in der Stadt. Zudem kann VO auf eine Reihe von außergewöhnlichen, privaten Förder*innen zählen, die das Anliegen nicht nur finanziell sondern auch durch ihr Engagement für die Sache unterstützen.
Es ist uns daher eine große Freude, dass wir durch VO die vielfältige Kunstszene Münchens, wie zum Beispiel bei unserem Kick-off im Haus der Kunst oder auch bei anderen Formaten, zusammenbringen und allen Akteur*innen ein Gefühl von Gemeinschaft und ein neues Momentum generieren. Dann wird deutlich spürbar, welche kreative Kraft und Vielfalt in dieser Stadt existiert, die wir sehr gern unseren Gästen vorstellen möchten.

AKG: Während die Kunstszene im Rheinland ja sehr dezentral auf viele Standorte verteilt ist und Berlin sich als (heimliche) Kulturhauptstadt versteht – wie würden Sie die Münchner Kunstszene charakterisieren? Gibt es etwas, das Sie als „typisch“ herausstellen würden?
CG: Ich würde gern zwei Dinge als markant für München herausstellen: Einerseits gibt es hier ein sehr solidarisches Verhältnis und eine enge Kommunikation zwischen allen 38 Teilnehmenden bei VARIOUS OTHERS. Es ist nicht selbstverständlich, dass eine solche Initiative aus einem kleinen Kreis heraus entsteht, über Jahre mit großem Idealismus und ehrenamtlichem Engagement entwickelt und heute von den wichtigsten Akteur*innen der Stadt getragen wird. VARIOUS OTHERS existiert nur dank dieser kontinuierlichen Unterstützung aller Teilnehmenden. Des Weiteren finde ich es besonders, dass unsere Initiative nicht durch öffentliche Förderung, sondern maßgeblich von Münchner Bürger*innen, also privaten Geldern, getragen wird. Diese ermöglichen VO ideell wie finanziell und fördern damit ein aktives und funktionierendes künstlerisches Ökosystem in ihrer Stadt, das sich international nicht verstecken muss. Viele dieser Förder*innen sind selbst auch Sammler*innen, die während VARIOUS OTHERS ihre eigenen vier Wände für Besuche öffnen und somit selbst zu Gastgeber*innen werden.

AKG: Gibt es eine typische Münchner Sammler*innenschaft?
Die Sammler*innenschaft in München zu charakterisieren, ist nicht ganz leicht: Sicher ist, dass die Sammler*innen nicht nur bestens informiert, sondern auch weltoffen und auf dem internationalen Parkett unterwegs sind. Münchner Sammler*innen sammeln nicht nur bei Münchner Galerien, sondern sind stolz darauf, auch in Berlin, New York, Wien oder Paris unterwegs zu sein. Im letzten Jahr hat die Ausstellung „Es ist Herbst, wir fallen“, kuratiert von Gregor Hildebrandt, einen faszinierenden Einblick in Münchner Privatsammlungen gegeben. Denn neben den international bekannten Sammlungen Brandhorst und Goetz, die dauerhaft öffentlich zugänglich sind, gibt es eine ganze Reihe von außergewöhnlich engagierten und offenen Sammler*innen, die die hiesige Kunstszene und das kulturelle Treiben dieser Stadt maßgeblich unterstützen und prägen. Es ist uns ein großes Anliegen, dass wir diese Sammler*innen auch zukünftig für die Ziele und Ambitionen von VARIOUS OTHERS gewinnen, nicht zuletzt, um sie auch mit unseren internationalen Gästen zusammenbringen zu können.

A-KG: Neben den wirklich vielen spannenden Ausstellungen, die in den Galerien eröffnet werden, wie Jenna Sutela& Pamela Rosenkranz bei max goelitz (mit Sprüth Magers), Sheila Hicks & Katinka Bock bei Schöttle oder Heidi Bucher bei Jahn und Jahn, Anna Hulacová bei ERES Projects, Yael Bartana in der Villa Stuck, und die interessante Gruppenausstellung key operators im Kunstverein, gibt es so viel zu entdecken, dass die Auswahl für ein Wochenende sehr schwerfällt. Haben Sie Tipps für das Wochenende für unsere Leser*innen?
CG: Neben den fabelhaften Eröffnungen in den Galerien und anderen Ausstellungsorten möchte ich natürlich das diesjährige VO Special erwähnen: Carrying the Earth to the Sky bringt 13 von einer internationalen Jury ausgewählte Münchner Künstler*innen an einem ungewöhnlichen Ort, inmitten des Bahnhofsviertels, zusammen und gibt einen Einblick in die lebendige Vielfalt und kreative Vitalität, die in dieser Stadt beheimatet ist. Wer gezielt suchen möchte, findet an diesen Tagen sicher die passende Veranstaltung in unserem reichhaltigen Rahmenprogramm. Mein Tipp für das Eröffnungswochenende ist jedoch, sich treiben zu lassen: Erleben Sie das große „Rentrée“ in München, schlendern Sie von Kunstort zu Kunstort, treffen Sie die hiesigen Akteur*innen und unsere Gäste, genießen Sie die ausgelassene, spätsommerliche Stimmung und lassen Sie sich von München einfach einmal überraschen, bevor das ewig gleiche Oktoberfest die Stadt wieder einnimmt.

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