„You can’t start a fire without a spark“

24. März 2025 · Messen & Märkte
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Resümee der diesjährigen Messe für zeitgenössische Kunst „Spark Art Fair Vienna“

von Julia Stellmann

Die vierte Ausgabe der Spark Art Fair Vienna war zugleich die zweite nach den Querelen infolge des Rücktritts von Renger van den Heuvel und der kurzfristigen Absage. Zum zweiten Mal also bespielte das neue Curatorial & Advisory Board unter der Leitung von Jan Gustav Fiedler und Walter Seidl die Marx Halle mit rund 15.000 Quadratmetern. Das Konzept der Messe mit demokratischem Standprinzip und ausschließlich Einzelpräsentationen erleichterte dem Publikum zwar den Zugang, wurde für die 90 teilnehmenden Galerien jedoch zum Vabanquespiel. Falls der „Spark“ bei den ausgestellten Positionen nicht übertrat, hielt die jeweilige Galerie keine Alternative bereit. Angesichts der bei vielen Galerien ausbleibenden Verkäufe scheint der Funke oftmals nicht übergetreten zu sein. Wenn Verkäufe getätigt wurden, dann häufig bereits im Vorhinein. So erging es beispielsweise der Galerie Anna Laudel, die großformatige Keramiken des Künstlerduos Ertuğrul Güngör and Faruk Ertekin anbot. Die Arbeiten verbinden traditionelle Handwerkskunst mit zeitgenössischem Design. Die Malereien von Lunita-July Dorn bei der Galerie Judith Andreae verkauften sich bereits in der vorangegangenen Soloshow in Bonn gut. Für die noch an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin studierende Dorn gibt es nur ein Motiv: sie selbst. In großformatigen, vergleichsweise preiswerten Selbstporträts erforscht die Künstlerin jede Facette ihres Seins. Ausgearbeitete Gesichter treffen dabei auf Körper, die meist als diffuse Kontur verbleiben oder mit der umgebenden Fläche zu verschmelzen scheinen. (Zwischen 3.500 und 5.000 €)

Nach „Die Stadt im Dialog“ im vergangenen Jahr stand die diesjährige Ausgabe der Messe unter dem verbindenden Thema Performance. Auf der Spark selbst fand allerdings nur eine Performance am Stand der neu gegründeten Wiener Galerie Roberta Keil statt. Das deutsch-dänische Trio Pegasus Product teilte den Stand auf, baute eine kleine Polizeistation hinein. Hier saß während der Öffnungszeiten ein Polizist, durfte das Publikum gemeinsam mit diesem Arrangements aus Bauschaum und Draht basteln, standen die Werke unmittelbar neben dem Revier für 300 € zum Verkauf. Die Liveperformance brachte willkommene Abwechslung in die gleichförmige Standlandschaft. Solche Variation ließ sich ebenfalls bei der Wiener Galerie Kandlhofer in Form eines sich autonom fortbewegenden, auf das Publikum reagierenden Bonsais finden. Die Arbeit war Teil der Einzelpräsentation von Andreas Greiner, dessen Stand zu den Highlights der Messe zählte. Auf schimmernden Platinen wuchsen winzige Pflanzen, ein Zeppelin war auf Mikroschaltkreise geätzt, eine Münze zeigte einen Marsrover beim Setzen einer Jungpflanze. Ein weiteres Werk war vom „Game of Life“ des Mathematikers John Horton Cornway inspiriert. In unendlichem Raster kann jede Zelle einen von zwei Werten annehmen: Schwarz oder Weiß, Leben oder Tod. Ihr Wert hängt von der Dynamik ihrer unmittelbaren Umgebung ab – eine Metapher für den Zustand unserer Erde. (Zwischen 5.500 und 35.000 €)

Ebenso kleinteilig ging es am Stand der in Kapstadt beheimateten Galerie Reservoir zu. Die in Südafrika geborene Cathy Abraham schafft Werke, die auf den ersten Blick wie fein gesponnene Gewebe aussehen, sich bei genauerem Hinsehen als gemalte Raster entpuppen. In meditativer Praxis sind die winzigen, wie Schuppen einer Echse anmutenden Verflechtungen exakt abgezählt. Beginnend mit einer kleinen Markierung webt sie rhythmische Geflechte, die auf maschinenähnlicher Wiederholung von Zeichenskalen basieren. Ein zweiter Blick lohnte sich auch am Stand der Kölner Galerie Falko Alexander, an welchem in großen Lettern „Son of a Glich“ von Arno Beck prangte. Den Schriftzug rahmten quadratische Landschaften und abstrakte Formspiele, die mit einer Schreibmaschine gefertigt wurden. Sie basieren auf Landschaftsfotos und computergenerierter Kunst. Ihre digitale Ästhetik erinnert an erste Zeichenversuche des Computers, an Programme aus den 90er-Jahren wie „Paint“. Beck überträgt die digitale Ästhetik in den physischen Raum. Währenddessen wurde vor Ort eine Edition mittels Zeichenroboter erstellt, welche Interessierte für 400 € pro Stück mitnehmen konnten. (Zwischen 5.000 und 6.000 €)

Wie im vergangenen Jahr fiel die zweite, kleinere Halle in der Qualität der ausgestellten Arbeiten im Vergleich zur Haupthalle deutlich ab. Selbst bei gründlicher Suche wurde das auf Qualität bedachte Publikum allein am Stand der noch jungen Kölner Galerie DOD (Definition of Done) fündig. Diese zeigte den in Amerika geborenen und in Wien lebenden Künstler Kottie Paloma, der in seinen großformatigen Malereien fragmentierte, im Sturz begriffene Menschen, gefallene Engel vor dunklem Grund zeigt. Teils wie mit Blut gemalt bringt er die Figuren mit roher und unnachgiebiger Linie auf die Leinwand. Sie erinnern an prähistorische Höhlenmalereien, veranschaulichen schonungslos menschliche Abgründe und verlieren doch nicht ihre spielerische Note. Das Groteske, Brutale und Komische müsste dem Wiener Kunstpublikum erfahrungsgemäß gefallen. Entsprechend setzte die Galerie Ruttkowski zurück in der Haupthalle ebenfalls auf die wechselhafte Beziehung zwischen Leben und Tod, stellte düstere Fotografien von François Halard aus. Im Ort Sedlec Ossuary aufgenommene Polaroids dokumentieren die letzte Ruhestätte von circa 30.000 bis 70.000 Menschen aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. Diese wurden von Holzschnitzer Franti šek Ribt im 19. Jahrhundert desinfiziert, mit Chlorkalk gebleicht und zu skulptural anmutenden Arrangements zusammengefügt. Die Polaroids erinnern an Stillleben aus dem 17. Jahrhundert, wurden mit Aufnahmen in voller Blüte stehender Blumen kombiniert, gemahnen ganz im Sinne des Memento Mori der eigenen Vergänglichkeit. (Bis 24.000 €)

Weniger brutal, aber ebenso roh und direkt ging es am Stand der Berliner Galerie PSM zu. Ein mittig platziertes ehemaliges Tor der Schlosserwerkstatt ihres Großvaters gewährte Einlass in die künstlerische Welt der Österreicherin Lena Göbel. Das Tor diente ihr als Druckstock, sodass sich die Gesichter ihrer Familie geisterhaft ins Holz eingeschrieben haben. Neben dem Tor verwendet Göbel weitere Gebrauchsgegenstände aus dem Familienbesitz wie zum Beispiel Mostfässer aus der häuslichen Kelterei. Mit der eigenen Familiengeschichte setzte sich auch Künstlerin Selma Selman bei ACB Gallery aus Budapest auseinander. Sie stammt aus Bosnien-Herzegowina, wo ihrer Roma-Familie ein Schrottplatz gehört. Motorhauben und Autotüren dienen Selman als Bildträger für eindrückliche Selbstporträts sowie Briefe an den fiktiven Omer. Erst kürzlich wurde Selman mit dem ABN Amro Art Award ausgezeichnet und bespielt derzeit das Untergeschoss des Stedelijk Museums in Amsterdam.

Obwohl sich die Haupthalle deutlich von der kleineren Ausstellungshalle abhob, meinte man auch hier vieles in ähnlicher Form schon gesehen zu haben. Kindliche Stickerei erinnerten an Andi Fischer oder Streichholzbilder an Wolfgang Mally. Zudem fiel auf, dass wichtige österreichische Galerien mittlerer Größe nicht auf der Messe vertreten waren und stattdessen an der parallel ausgetragenen Stage Bregenz teilnahmen. Die Spark kann zwar mit dem Standort Wien punkten, aber angesichts der Konkurrenz in Bregenz und der grundsätzlich angespannten Lage auf dem Kunstmarkt täte sie gut daran, sich mit einem geschärften Konzept stärker von anderen Wettbewerbern abzugrenzen. Vielleicht springt dann im nächsten Jahr der Funke noch mehr über.

Dazu in Band 300 erschienen:

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