Berlin
Holly Herndon & Mat Dryhurst
Starmirror
KW Institute for Contemporary Art 31.10.2025–18.01.2026
von Herbert Kopp-Oberstebrink
Eine weite, abwechselnd in rotes, blaues und violettes Licht getauchte Halle; auf einer Empore mehrere Fenster, hinter denen buntes Licht aufscheint; darunter ein weiteres Fenster, hinter dem es rot flackert, als befände sich dort ein Feuer; spartanische Holzbänke, die rechteckig um ein hoch aufragendes, leiterartiges Gebilde inmitten des Raumes angeordnet sind; eine Orgel, die mit verzierten Tafeln wie in älteren Kirchen geschmückt ist; und dazu durchdringende, raumgreifende Klänge, die von der Orgel, lateinischen Motetten, gregorianischen Chorälen, traditionellem katalanischem Gesang herstammen und mit einer KI bearbeitet sind, durchsetzt von elektronisch erzeugten Sounds und tiefen Bässen. Der Ort des Geschehens ist kein Kirchenbau, auch wenn Atmosphäre, Akustik und teilweise auch die Musik an einen solchen erinnern mögen. Man befindet sich vielmehr in der Haupthalle des KW Institute for Contemporary Art in Berlin.
Die Basis der immersiven Klanginstallation, die Holly Herndon und Mat Dryhurst zusammen mit dem Berliner Design- und Architekturstudio sub entwickelt haben, bilden Aufnahmen aus vorangegangenen Gesangsprojekten, die anhand von KI-Vokalmodellen weiterentwickelt wurden. Im Zentrum des Projekts steht das Ordo Virtutum von Hildegard von Bingen (1098–1179), ein liturgisches Spiel aus dem Jahr 1151, das auf einer Vision Hildegards beruht und Diabolus, Virtutes und Animae im Ringen um Gut und Böse auftreten lässt. Den Künstler*innen geht es dabei thematisch besonders um die Aushandlung einer neuen Harmonie zwischen Mensch und Kosmos, wie sie im Gespräch erläutern. Die Installation ist freilich ein work in progress, dessen integraler Bestandteil regelmäßige kollaborative „Starmirror Training Performances“ sind. Dabei üben Chöre und Publikum unter Anleitung einzelne Responsorien aus Ordo Virtutem ein, Frage- und Antwortgesänge, die zu Trainingszwecken der KI aufgezeichnet werden. So entsteht im Laufe der Zeit ein neuer Chor-Datensatz, der im kommenden Jahr im zweiten Teil der Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zu hören sein wird.
Herndons und Dryhursts neuestes Werk führt ihre schon Jahre währende KI-geleitete Arbeit an der Schnittstelle zwischen Kunst, Stimme und Digitalität weiter. Dabei will ihr Ansatz die User, mit deren Daten die KI alltäglich gefüttert wird, aktivieren, will dazu aufrufen, in der Gestaltung eines öffentlichen KI-Protokolls aktiv zu werden und menschliche und nicht-menschliche Akteur*innen zu einem produktiven Zusammenspiel zu vereinen.
Die Schau im Berliner KW geht ein hohes Wagnis ein, entzieht sie doch den Betrachter*innen vieles von dem, was diese in einem Ausstellungsraum zu erwarten gewohnt sind: Bilder, Videos oder Skulpturen. Gewiss, es finden sich skulptural-installatorische Elemente, vor allem wenn man die Haupthalle durch das Arboretum mit seinen eher unscheinbaren, per KI mit Public-Domain-Daten generierten Skulpturen betritt. Doch sie sind sehr reduziert zu Gunsten einer Klanglandschaft deren Wirkung durch einige inszenatorische Elemente zu einem ganzheitlichen, audio-visuellen Erlebnis gesteigert wird. Ein solch radikaler Eingriff in unsere Sehgewohnheiten und Erwartungen wirft naturgemäß Fragen auf. Handelt es sich bei Starmirror womöglich um eine Neuauflage des popkulturellen Hypes um Hildegard von Bingen, wie er seit Jahren zu verzeichnen ist? Das lässt sich zumindest nicht ganz von der Hand weisen. Doch wird angesichts des künstlerischen Anliegens, der hohen Konzentration und formalen Reduktion sogleich klar, dass der Ausstellung nichts ferner liegt, als aus Katholizismus, Weihrauch oder Jesus-Kitsch Kapital schlagen zu wollen, wie das gegenwärtig vermehrt Phänomene der Pop-Kultur versuchen.
Die Palette der Themen und Bereiche, die sich mit der mittelalterlichen Universalgelehrten bespielen lassen, ist reich – Philosophie, Theologie, Musik, Heilkunde, um nur einige zu nennen. Doch was kommt bei Herndons und Dryhursts Griff in den Hildegard-Baukasten alles zum Vorschein? Was reizt junge Künstler*innen an einer Figur aus dem Mittelalter? Man kann sagen: Sie machen alles richtig und lassen vieles von dem, was die Hildegard-Moden der letzten Jahrzehnte breitgetreten haben – Medizin und Heilpflanzen etwa – links liegen. Herndorns und Dryhursts Klang- und Inszenierungskünste konzentrieren sich ganz auf innere Motive wie die Einkehr zu sich selbst, Meditation und Ganzheitlichkeit. Stellt man das visionär-halluzinatorische Moment in Hildegards Wirken, repräsentiert durch ihre bekannten Visionen, in den Mittelpunkt, so lässt sich die Arbeit als Form des ästhetischen Widerstands gegen künstlerische Spektakel und Bilderfluten lesen. Das ist umso bemerkenswerter, weil man in der Regel mit KI Screens und Bilder assoziiert. Faszinierend ist dabei, dass die Ausstellung einen hohen Einsatz an technischen Mitteln wagt, diese aber im Hintergrund agieren lässt, um ein minimalistisches, geradezu asketisches Konzept zu realisieren. Was die Ausstellung den Zuschauer*innen bietet, ist ein Rückzug zu sich selbst, Abkehr von der Welt, vom Spektakel.
Als konsequente Bildverweigerung in einer Welt des Übermaßes an visuellen Medien stellt Herndons und Dryhursts Gegenvorschlag zur immer opulenter ins Werk gesetzten Bildlichkeit von Kunstwelt und – markt den eigenen Gesang, die Resonanz und Kollektivität ins Zentrum. Diesen partizipatorischen Aspekt realisieren die sonntäglichen Performances, zu deren entscheidenden Akteur*innen eben nicht nur Chöre gehören, sondern auch und gerade das versammelte Publikum. Nehmt teil, arbeitet selbstbestimmt am Inhalt mit, der in die KI eingespeist wird, und gebt etwas an die Nachwelt weiter. Denn mit dem Material aus den gemeinschaftlichen Sanges-Exerzitien füttern die Künstler wiederum die KI und generieren neue musikalische Schleifen für die Nachwelt und spätere Inszenierungen, wie etwa die im kommenden Jahr im K21 in Düsseldorf. Zu den Gedanken Hildegards gehört, dass das größere Ganze im Blick behalten werden muss. Das trifft auch auf diese Arbeit zu, die sich als Baustein eines Gesamtkonzepts verstehen lässt, das die kluge Regie der künstlerischen Leitung des KW ins Werk gesetzt hat. Denn es kann kein Zufall sein, dass gleichzeitig mit der Schau von Herndon und Dryhurst die erste institutionelle Einzelausstellung der japanisch-New Yorker Neo-Minimalistin Kazuko Miyamoto gezeigt wird. Auch diese Ausstellung minimiert das Sichtbare und bildet so eine kongeniale Ergänzung zum neo-sakralen Refugium der Haupthalle.
Außerdem vom 27.06.–11.10.2026 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf.