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Titel: Zeichne! Von der Linie zur Kunst · von Larissa Kikol · S. 45 - 47
Titel: Zeichne! Von der Linie zur Kunst ,

Zeichne!

Von der Linie zur Kunst
Herausgegeben von Larissa KIKOL

Zeichnungen. Sie sind nicht nur eine Kunstgattung, sondern ein Instrument des Denkens, der Wissensvermittlung, der Planung und des Begreifens. Die Menschheitsgeschichte wäre ohne Zeichnungen anders verlaufen. Sie brachten Kultur und Kunst hervor, dienten der Medizin, der Wissenschaft und der geografischen Expedition. Auch heute helfen sie dabei die Realität zu begreifen, sie zu modellieren und zu bewältigen, aber auch das eigene Innere zu erkunden. In der Malerei nehmen sie einen wichtigen Platz ein, aber auch in der Art Brut oder im Graffiti. „Wir sollten weniger sprechen und mehr zeichnen“1,forderte schon Johann Wolfgang von Goethe. „Zeichnen ist die Kunst, Striche spazieren zu führen“2, schwärmte Paul Klee. Die Zeichnung kann so viel, Kinder wissen es intuitiv, viele Erwachsene haben es leider vergessen. Das soll dieser Themenband ändern. Im ersten großen Abschnitt über Zeichnungen als Denk- und Kunstwerkzeuge werden vier Beiträge versammelt:

In dem Essay Zeichne! Ein Instrument fürs Leben, Denken und die Kunst geht die Gastherausgeberin Larissa Kikol der Geschichte der Zeichnung bis zur Gegenwart nach. Außerdem spricht sie von der Rolle der Zeichnung in der Wissenschaft und der Ideenfindung, wie bei Kurt Cobain, bei einem Herzchirurgen oder bei Kindern. Malende Zeichner*innen wie Baselitz oder Cecily Brown zeigen in ihren Zeichnungen weitere Ebenen ihres Gesamtwerks. In einer Bilderschau werden sieben aktuelle Positionen vorgestellt. Im Großformat, als Zettelchaos oder Wandbild zeigen sie verspielte, surreale oder hyperrealistische Zeichensprachen.

Markus Vater erzählt im Interview über Raumzeichnungen, den physischen-kognitiven Zeichenprozess und über seine Zeichenlehre als Professor. „Es geht nicht um Bilder, um Kunstmarkt, sondern um Energie, Schmerzen, Spaß, Angst. Ich bin fasziniert wie ein Liter schwarze Farbe einen Raum zerlegen und entgrenzen kann.“ Jenny Graser erfasst in ihrem Essay Zeichenmaschinen. Zwischen Mechanik, Künstlicher Intelligenz und manueller Produktion, die Entwicklung von Tinguely bis zu Graffitimaschinen. Über Gegenwartstendenzen auf dem Kunstmarkt spricht Kristian Jarmuschek, Leiter der Paper Positions: „Zeitgenössisch erlebe ich einen Hang zum individuellen Ausdruck und einer ganz persönlichen Sicht auf die Welt. Dabei ist der Ausdruck, den David Shrigley gefunden hat, exemplarisch für diese Haltung und dem daraus erwachsenen Stil.“

Der Abschnitt über Zeichnungen, mit denen die Realität ergriffen und modelliert werden kann, beginnt mit Nadine Fecht, die auf den ersten Blick abstrakte Werke schafft. Mit 9.000 Kugelschreibern geht sie der Frage über die Wirkmacht des Einzelnen und der Teilhabe von Vielen in unserer Gesellschaft nach. Isabelle Brourman erzählt im Interview über ihre Gerichtszeichnungen und die Prozesse von Donald Trump, die sie besuchte. In ihren Bildern spielen aber auch ihre eigene Handschrift und eine persönliche Rezeption von Politik eine Rolle. Über das New Yorker Graffiti und die Schule auf der Straße berichtet der „King“ Lee Quinones: „Zeichnen war der erste Schritt, um Selbstvertrauen zu entwickeln, um die Herausforderungen der Yards zu meistern.“

Im letzten Teil dieses Themenbandes geht es um das Zeichnen und die inneren Bilder. „Ich sehe darin eine Poetik, die aus einem multikulturellen Geist entsteht und eine reine, klare Kunst aus bastardisierten Ideen hervorbringt. Worum geht es in dieser Kunst? Es geht um den Kern. Alles dreht sich und kollidiert in einer diachronen Geschichte mit Zentrifugalkraft.“ So der niederländische Poet und Zeichner Michael Tedja. In dem Essay Art brut aktuell? portraitiert Larissa Kikol Künstler*innen der Galerie ART CRU Berlin. Außerdem diskutiert sie die Vor- und Nachteile einer ‚Outsider‘‚ oder ‚Art Brut‘ Kategorisierung. Aber feststeht: die Zeichnung ist das wichtigste Medium dieser Kunstbewegung. Und die Art Brut Künstler*innen haben die etablierte Kunstgeschichte unwiderruflich geprägt.

ANMERKUNGEN
1 Johann Wolfgang von Goethe, zitiert nach Yadegar Asisi, ebd., S. 61
2 Paul Klee, zitiert nach Guy Noble, Meisterklasse Zeichnen, Prestel Verlag München, London, New York, 2017, S. 8