Begründer der Konkreten Poesie Eugen Gomringer mit 100 Jahren verstorben

26. August 2025 · Personalien
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Der bedeutende bolivianisch-schweizerische Schriftsteller und Lyriker Eugen Gomringer (1925-2025) verstarb am 21. August 2025 in Bamberg im Alter von 100 Jahren.

Als sein größtes Verdienst zählt die Begründung der Konkreten Poesie, in der das Verhältnis von Text und Bild auf ganz neue Weise poetisch untersucht wird. So verwandelte Gomringer Worte in Kunst, indem Text als Bild fungiert und Bild als Text.

Zu der neuen literarischen Weltbewegung der Konkreten Poesie inspirierte Gomringer insbesondere die Kunst der Zürcher Schule der Konkreten. Seine Liebe zur Konstruktiven Kunst und sein Interesse an der Klarheit des Bauhauses transformierte er dabei in eine neue poetische Form, die weltweite Berühmtheit erlangte. In seinem zentralen Manifest „vom vers zur konstellation“ führt Gomringer seine Auffassung des ästhetischen Objekts als funktionalen Gegenstand aus.

Als Sohn seines Vaters Eugen Gomringer (Senior), einem Schweizer Direktor einer Kautschuk- und Gummifabrik in Bolivien, sowie seiner analphabetischen Mestizin Delicia Rodríguez wuchs Gomringer die ersten zweieinhalb Jahre seines Lebens in Bolivien an einem Nebenarm des Amazons auf, bevor er seine restliche Kindheit bei den Großeltern in Herrliberg in der Schweiz verbrachte. Eugen Gomringer studierte von 1944 bis 1952 Nationalökonomie und Kunstgeschichte in Bern und Rom. Von 1954 bis 1957 war er als Sekretär von Max Bill an der Hochschule für Gestaltung in Ulm tätig, wo er unter anderem Bills handschriftliche Notizen abtippte. Mit Dieter Roth und Marcel Wyss gründete Gomringer 1953 die Zeitschrift Spirale. Von 1960 bis 1965 gab er die Buchreihe „konkrete poesie – poesia concreta“ heraus. Von 1961 bis 1967 war er dann Leiter des Schweizerischen Werkbundes und leitete daraufhin von 1967 bis 1985 den Kulturbeirat des Porzellan-Herstellers Rosenthal in Selb. Der Werbeindustrie stets nahestehend, textete Gomringer etwa drei Jahrzehnte lang die Werbeslogans der Warenhauskette ABM (Au Bon Marché).

Gomringer fungierte von 1966 bis 1968 als Mitglied des documenta-Rates unter Leitung von Arnold Bode zur 4. documenta 1968 in Kassel. Er wählte die Schweizer Beiträge zur documenta 4 aus, wie u. a. Arbeiten von Richard Paul Lohse, Karl Gerstner, Christian Megert und Dieter Roth. Mitglied der Akademie der Künste in Berlin war Gomringer dann ab 1971. Er gründete im Jahr 2000 das Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie (IKKP) an seinem langjährigen Wohnort, dem Dorf Wurlitz im oberfränkischen Rehau.

Nicht zuletzt lehrte Eugen Gomringer von 1978 bis 1990 als Professor für Theorie der Ästhetik an der Kunstakademie Düsseldorf und prägte zahlreiche Künstler*innen und Lyriker*innen mit seinem besonderen Feingefühl für Sprache, Text und Bild.

Nicht nur selbst als Dichter und Künstler tätig, war Eugen Gomringer auch Sammler, insbesondere von Werken der Konkreten Kunst und Poesie, die unter anderem den Grundstock des 1991 neu eröffneten Museums für Konkrete Kunst in Ingolstadt bildeten. Auch im Kunsthaus Rehau befinden sich zahlreiche Werke seiner Sammlung. Lange Zeit organisierte er selbst die Ausstellungen mit Werken aus seinen Sammlungen zusammen mit seiner Frau, der Germanistin Nortrud Gomringer, und einem seiner Söhne.

Zahlreiche Gedichtbände zeugen von Eugen Gomringers Schaffenskraft. 2020 erschien seine Autobiografie in metrischer Versform mit dem Titel „welt im sonett“.

Ausgezeichnet wurde Eugen Gomringer 1997 durch den Kulturpreis der Stadt Rehau und 2008 mit dem Bayerischen Verdienstorden. Im Jahr 2022 erhielt er die Auszeichnung „Pro meritis scientiae et Litterarum“ des Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst des Freistaats Bayern für Persönlichkeiten, die sich um das Zusammenspiel von Wissenschaft und Kunst verdient gemacht haben.

Nun ist mit Eugen Gomringer eine wichtige Stimme der lyrischen Kunst verstummt. Er hinterlässt drei Kinder, wovon seine Tochter Nora Gomringer in seine Fußstapfen getreten ist und ebenfalls als Lyrikerin wirkt. Das Archiv von Eugen Gomringer befindet sich seit 2018 im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.

Dazu in Band 107 erschienen:

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