Berlin startet Projekt zur kolonialen Vergangenheit

5. Februar 2020 · Kulturpolitik
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Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) kündigte ein Projekt zur Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit Deutschlands an. Es ist auf fünf Jahre angelegt und wird von einem wissenschaftlichen Beirat begleitet. Die Ergebnisse der Nachforschungen können dann das Stadtmuseum Berlin, zivilgesellschaftliche Initiativen und andere Akteure „gleichberechtigt“ in Ausstellungen und anderen Veranstaltungen präsentieren. Die Gesamtkosten des Projekts werden mit 3 Mill. Euro kalkuliert, davon übernimmt die Kulturstiftung des Bundes 1 Mill. Euro. Die Ziele sind ehrgeizig formuliert: rund 1.000 Orte sollen beschrieben werden, „an denen sich noch heute die Folgen des Kolonialismus festmachen lassen.“ 1882 hatte sich in Deutschland der erste Kolonialverein gegründet. Deren Anhänger traten mit teils recht absurden und bizarren Argumenten auf: die deutsche Arbeiterschaft würde sich durch eine Kolonialpolitik in eine „nationale Aufgabe“ einbinden lassen und sich dann von der aufwiegelnd agierenden Sozialdemokratie abwenden; weiterhin aufrührerisch auftretende Sozialdemokraten würde man dann gerne in die Kolonien abwandern lassen. Die offizielle Kolonialpolitik hatte in den 1880er Jahren allerdings eher die Gründung eines Handelsimperiums im Sinn; die Politiker begriffen die Kolonien zunächst in erster Linie als „Schutzgebiete“ für deutsche Handelsfirmen. Bis 1914 war dann das wilhelminische Kaiserreich nach England und Frankreich zur weltweit drittgrößten größten Kolonialmacht avanciert, die ihre Interessen mit brutalen militärischen Operationen durchsetzte: als im Jahr 1900 deutsche Truppen zur Niederschlagung des Boxeraufstands in China aufbrachen, ordnete Kaiser Wilhelm II. an: „Gefangene werden nicht gemacht“. Schon vor einem Jahr hatten die SPD, Die Linke und die Fraktion Bündnis90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus beschlossen, „die koloniale Dimension des öffentlichen Raums… stadtweit“ zu erfassen und damit „eine neue, angemessene Erinnerung“ einzuleiten. „Diese muss diskriminierungsfrei sein, Kolonialverbrechen beim Namen nennen, Verantwortung übernehmen, historische Schuld anerkennen, sowie Opfer und (lokalen) antikolonialen Widerstand würdigen.“ Auch der Berliner „Tagesspiegel“ mahnt an, bei dem jetzt von Kultursenator Lederer angekündigten Projekt ginge es nicht nur um die Umbenennung von Straßen: „Kolonialismus war nicht nur etwas, das in weiter Ferne stattfand, Kolonialismus wirkte – und wirkt – auch im Land der Kolonialmächte. Das Kurfürstentum Brandenburg war am transatlantischen Versklavungshandel beteiligt…“ Wie wichtig es ist, „historischer Unsensibilität“ entgegen zu treten, bewies kürzlich ausgerechnet der ehemalige Außenminister Sigmar Gabriel, der laut „Tagespiegel“ in einem Tweet „zu der in Berlin stattfindenden Libyen-Konferenz schrieb, Deutschland sei deswegen besonders als Vermittler geeignet, weil es ’nie Kolonialstaat‘ war.“

Dazu in Band 262 erschienen:

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