„Keine Freundin der Geradeauslinie": Zum Tod von Annelie Pohlen (1944-2026)
Mit großer Betroffenheit haben wir vom Tod unserer Autorin Annelie Pohlen (1944 – 2026) erfahren, die KUNSTFORUM mit ihrer klaren weitsichtigen Stimme über Jahrzehnte begleitet und bereichert und die mit ihrer Arbeit nicht zuletzt die Kunstlandschaft im Rheinland geprägt hat, indem sie mit ihren Texten und Ausstellungsprojekten Maßstäbe gesetzt und zahlreiche Positionen zeitgenössischer Kunst bekannt gemach hat.
Die 1944 in Bernkastel-Kues geborene Kunsthistorikerin hat in Paris und in Bonn studiert und begann Anfang der 1970er Jahre als Kritikerin mit dem Schreiben für verschiedene Tageszeitungen und Kunstmagazine, u.a. für den Bonner General-Anzeiger, die Süddeutsche Zeitung, Artforum und für das KUNSTFORUM International, wo sie eine Zeitlang Redakteurin für den Ausstellungsteil war und für das sie bereits seit 1978 Rezensionen, Kommentare, Gespräche und Monografien verfasste sowie die Themenbände Erotik in der Kunst (Bd. 46), Situation Schweiz (Bd. 63/64), Malerei – z. B. Landschaft (Bd. 70) und Skulptur ’85 (Bd. 79) herausgab. Seit 1980 arbeitete Annelie Pohlen auch als freie Kuratorin am Bonner Kunstverein, zu deren Direktorin sie 1986 ernannt wurde und dessen künstlerische Leitung sie bis 2004 innehatte. In mehr als 200 Ausstellungen hat sie dort u.a. monografische Präsentationen von Miriam Cahn, Mark Dion, Alighiero e Boetti, Annette Messager, Rune Mields, Nancy Spero oder Heimo Zobernig kuratiert, wobei sie den Ausstellungsraum „als einen Denk- und Erfahrungsraum“ betrachtete, wie es im Nachruf des Bonner Kunstvereins heißt, „in dem sich ästhetische, gesellschaftliche und philosophische Fragestellungen verdichten und zur Diskussion stellen lassen.“
Auch als Kunstkritikerin hat Annelie Pohlen Grundfragen die Existenz und die Gesellschaft betreffend, aufgegriffen, die für sie in künstlerischen Positionen als abweichende Formulierungen auftauchten und hat immer wieder neu versucht, ihnen auf den Grund zu gehen. Nachdem sie zunächst begann auch über Theater und Film zu schreiben, entschied sie sich schnell für die Kunst – als das offenste Territorium. „Die radikale Form der bildenden Kunst, wie sie sich in den 70ern herausbildete, war für mich trotz mancher dogmatischer Äußerung ein abenteuerlich unsicherer Boden, der mein Bewusstsein ohne verbindliches Instrumentarium herausforderte, um mit dem Gegenstand, dem Werk und dessen Produzenten zurechtzukommen. In der Kunst kann man sich an keine Bildbeschreibung halten. Natürlich bietet das Bild, das man sieht, ein gewisses Raster. Es ist aber eigentlich nur Projektionsfläche für eine im weitesten Sinne geistige, zudem emotionale Auseinandersetzung.” sagte sie 2004 im KUNSTFORUM-Gespräch mit Heinz-Norbert Jocks (Bd. 168).
Nachdem sie sich 2004 wieder ganz ihrer publizistischen Tätigkeit zugewandt hatte, betonte sie, dass sie sich nie allein als Kuratorin oder Kritikerin verstanden hat, sondern dass es ihr immer wichtig war, vielseitig zu agieren und regelmäßig die Seiten zu wechseln: „Nach fünfzehn Jahren war ich des Schreibens müde, weil allzu viel Routine sich wie ein Klebstoff auf die Sache selbst legte. Das gilt jetzt auch für die Tätigkeit des Ausstellungsmachers. Man muss immer wieder dasselbe machen, Batterien wechseln, telefonieren, Transporte organisieren, obwohl es jeweils um andere Positionen geht, denen man sich individuell zuwendet. Und als ich schrieb, mochte ich keine Spalten mehr sehen.” So blieb sie konstant eine elementare, unabhängige Stimme, die sich in ihrer facettenreichen Arbeit für Gegenwartspositionen stark machte, sie mit risikofreudigem Engagement förderte und verteidigte.
2018 bekam Annelie Pohlen gemeinsam mit Renate Puvogel den Rheinlandtaler des LVR verliehen. Im Jahr 2021 entschied sie, Objekte aus ihrer persönlichen Sammlung einigen ausgewählten Museen im Rheinland zu schenken.
Traf ich Annelie Pohlen in den letzten Jahren bei einer der zahlreichen Ausstellungseröffnungen im Rheinland, so traf ich nicht nur auf eine ausgewiesene Kennerin und ebenso leidenschaftliche, immer wieder neugierige Kunsthistorikerin, die voller Freude ihre eigenen Gedanken zum Gesehenen preisgab, sondern auch auf einen außergewöhnlichen Menschen, eine empathische, zugewandte Frau, die sich mit großem persönlichem Interesse nach der Arbeit anderer erkundigte. Ihre Ideen für Beiträge schienen unerschöpflich und auf meinem Schreibtisch liegen noch einige ihrer Vorschläge, die sie aufgrund gesundheitlicher Probleme zwar verschieben musste, aber keinesfalls aufgeben wollte, wie sie mir beteuerte. „Im Moment kann ich leider gerade nicht schreiben, aber demnächst besprechen wir, welche Monografien ganz bald erscheinen müssen“, sagte sie mir noch vor wenigen Wochen in einem ihrer regelmäßigen Anrufe in der Redaktion. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Am 28.02. ist Annelie Pohlen nach kurzer schwerer Krankheit gestorben. Ihre Stimme wird mir, dem KUNSTFORUM und nicht zuletzt im Kunstgeschehen sehr fehlen.
von Ann-Katrin Günzel
Dazu in Band 168 erschienen: