Medienkünstler und langjähriger Leiter des ZKM Peter Weibel gestorben

2. März 2023 · Personalien
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Peter Weibel 

Unvollständiger Versuch eines ersten Nachrufs

von Michael Hübl

Einer wie er wird sich so bald nicht wieder finden: Wenige Tage vor seinem 79. Geburtstag hat Peter Weibel seinen letzten, ohnehin schon seit über einer Woche künstlich gestützten letzten Atemzug getan.

Peter Weibel hätte man in früheren Epochen ein Universalgenie genannt. Dabei war ihm alles Genialische zutiefst fremd. Zum Grundmodus seines Handelns gehörten kritische Beobachtung und analytische Reflexion. Beide Eigenschaften nutzte er als Künstler wie als Theoretiker zu Grenzüberschreitungen im mehrfachen Sinn des Begriffs: Mit seinem extrem feinen Sensorium für in die Zukunft weisende Entwicklungen brach er immer wieder ästhetische wie gesellschaftliche Konventionen, etwa bei Performances mit seiner zeitweiligen Partnerin Valie Export oder als Mitbegründer und Sänger der Punk-Band „Hotel Morphila Orchester“. Jenseits aller Aktionen bedeutete Grenzüberschreitung für Weibel nicht zuletzt die Überwindung der modernen Dichotomie von Kunst und Wissenschaft. Ihr galt auch die Ausstellung „Renaissance 3.0“, deren Eröffnung Ende März er nun nicht mehr erleben wird.

„Renaissance 3.0“ sollte gleichsam seine Abschiedsvorstellung als Vorstand des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) Karlsruhe werden. Weibel war derjenige, der seit seiner Berufung 1999 der damals noch jungen Institution Schritt um Schritt Profil verlieh und sie international verankerte. Sein bei aller Entschiedenheit und Konsequenz verbindliches Wesen machte es Persönlichkeiten wie etwa Lowry Burgess, Noam Chomsky, Olafur Eliasson, Alain Fienkelkraut, Lynn Hershman-Leeson, Michel Houllebecq oder Erwin Wurm leicht, seinen Einladungen zu Symposien oder Ausstellungen im ZKM zu folgen.

Dabei ging es ihm nicht nur darum, einzelne Künstlerinnen oder Künstler vorzustellen. Besonders wichtig war  ihm  die Veranschaulichung großer Themenkomplexe wie in „Iconoclash“ (2002), „Making Things Public“ (2005) und „Reset Modernity“ (2016) oder zuletzt mit der Ausstellung „Critical Zones. Horizonte einer neuen Erdpolitik“ (2020/21) – Projekte, die zumeist in enger Zusammenarbeit mit dem (ebenfalls kürzlich verstorbenen) Bruno Latour verwirklicht wurden.

Die diskursive Fortführung der dort behandelten Fragestellungen wurde durch umfangreiche Publikationen sichergestellt. Denn auch das war Peter Weibel: ein leidenschaftlicher, hingebungsvoller Autor, der sich – unter anderem im KUNSTFORUM – in zahlreichen Essays, Interviews und theoretischen Schriften zu Wort meldete, getreu seinem poetischen Motto: „Sterne sind weiße Buchstaben auf der schwarzen Seite des Himmels. Buchstaben sind schwarze Sterne auf dem weißen Himmel der Seite.“ Aus vielen seiner Äußerungen ist ein Optimismus zu spüren. Zuletzt, da ihm die Karlsruher Politik  wenig freundlich begegnete, mag ihn diese Zuversicht verlassen haben. Gleichwohl gilt, um es mit leichtem Pathos zu sagen: Er bleibt ein Stern am Himmel der Kunst.

 

Dazu in Band 269 erschienen:

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