Nam June Paik: Moon is the oldest TV

8. September 2025 · Film
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Am 11. September kommt der Dokumentarfilm „Moon is the oldest TV“ der koreanisch-amerikanischen Regisseurin und Produzentin Amanda Kim in die deutschen Kinos. Vielstimmig dokumentiert Kim darin die Geschichte des koreanischen Videokünstlers Nam June Paik (1932 – 2006) mithilfe historischer Bilder, zahlreicher Performance-Aufnahmen, Original-Interviews von Zeitgenoss*innen und Kollaborateur*innen sowie einer Voiceover-Erzählung von seinen Schriften, die von Executive Producer Steven Yeun (Minari, Nope) gelesen werden.

Kims Erzählung fokussiert auf eindrucksvolle Weise Paiks Anfänge als Künstler und seinen Aufstieg in der internationalen Kunstszene, sie stellt ihn als ein bahnbrechendes Talent seiner Zeit heraus, dessen sprichwörtlich grenzenlose Kreativität visionär war, was u.a. dazu führte, dass er bereits in den 1950er und 60er Jahren das Internet vorwegnahm und prophezeite, dass in einigen Jahren „jeder seinen eigenen Fernsehkanal haben wird“.

Anhand historischer Aufnahmen wird Paiks Leben collageartig re-konstruiert, angefangen bei der Besetzung Koreas durch die Japaner und die Auswirkungen des Koreakriegs (1950-53), die Unterdrückung und Zerstörung bedeuteten sowie gleichzeitig die Notwendigkeit, in einer fremden Sprache zu kommunizieren, so dass eine „unstillbare Sehnsucht nach dem Neuen“ entstand, der Gedanke an das „Übermorgen“ wie Paik ausführt – was er zunächst in der „avantgardistischen Revolution“ der Musik Arnold Schönbergs fand, so dass sein Weg nach Deutschland führte, wo er 1956 mit der Absicht, klassischer Komponist zu werden in München begann, Musik zu studieren.

Zwei Jahre später traf er dann bei einem Konzert in Darmstadt auf John Cage, eine Begegnung, die sein Leben vollkommen verändern sollte. Der Avantgarde-Komponist lenkte Paiks Bahnen in Richtung der FLUXUS-Bewegung und damit weg von klassischer Musik und Traditionen und stattdessen hin zu experimentellen Aktionen und Events voller Zufall, Spontaneität, Partizipation und Provokationen. Archivaufnahmen zeigen die teils belustigten, teils empörten Reaktionen des Konzertpublikums auf die neue, experimentelle Musik. In unvergesslichen Festivals wie dem FLUXUS Festival in Wiesbaden 1962 – das, gut dokumentiert, Einblicke in die Lust an der Zerschlagung der sog. „Hochkultur“ und bürgerlicher Werte zeigt – zertrümmerten sie auf der Bühne einen Konzertflügel, um stattdessen neue Klänge und Geräusche zu den Protagonisten ihrer Partituren zu machen. Gemeinsam mit Karlheinz Stockhausen experimentierte Paik im Studio für elektronische Musik des WDR in Köln mit neuen technischen Möglichkeiten für die Musik und auch im Kölner Atelier der Künstlerin Mary Bauermeister traf er neben Cage und Stockhausen zahlreiche FLUXUS-Künstler*innen, die den anarchistischen Geist der Nachkriegsära auslebten und neue künstlerische und gesellschaftliche Alternativen zu den traumatischen Erlebnissen des Faschismus entwickelten.

Die Aktualität, die Paik seinerzeit erreichte, wird in Aussagen von Künstler*innen wie Marina Abramovic, Ulysses Jenkins oder des Jazzmusikers Peter Brötzmann deutlich, die von dem enormen Einfluss, den Paiks Auftreten auf sie hatte, berichten, oder auch in Schilderungen des Kunsthistorikers Wulf Herzogenrath und der Medienwissenschaftlerin Edith Decker-Phillips, die sich ihr ganzes Leben lang mit dem Künstler beschäftigt hat. Für Paik stellte der Fernseher das Produkt des täglichen Massenkonsums dar, das er als Material für Skulpturen benutzte, über die er sein Publikum dann wiederum mit eben diesem Konsum konfrontierte. Seine ersten Arbeiten mit manipulierten Fernsehgeräten zeigte er 1963 in der Wuppertaler Galerie Parnass. Der nächste Schritt führte ihn dann 1964 nach New York. Technische Entwicklungen, die hier viel weiter fortgeschritten waren gaben Paik die Möglichkeit mit Robotern und Fernsehern zu experimentieren und offenzulegen, was sich hinter den Apparaturen verbirgt. Dazu gehörten auch seine Auftritte mit der Cellistin Charlotte Moorman, mit der er seine Kompositionen mit „TV-BH“ oder „TV-Cello“ performativ aufführte.

Paiks Experimente waren immer auch technikkritische Verfahren und zeigten damals schon in Fernsehübertragungen wie „Global Groove“ (1973) und „Good Morning, Mr. Orwell“ (1984), seine Vision einer Gesellschaft, die über die Technik gesteuert wird und sich auch bereitwillig steuern lässt. Seinen künstlerischen Durchbruch erlangte er 1974 mit der Arbeit „TV-Buddha“, einem vor dem Fernseher sich selbst betrachtenden Buddha. Hier begannen sein nachhaltiger Einfluss auf die internationale Kunstwelt und die Aufmerksamkeit für seine Vorhersagen über unsere technologische Zukunft. In seiner Beschäftigung mit den Massenmedien – damals vorwiegend das Fernsehen – und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft, hinterfragte Paik zeitlebens die Auswirkungen des Konsums und der endlosen, ungefilterten Abfolge von schnell wechselnden Bildern, bevor seine Visionen durch Social Media unsere Realität wurden. Der Film „Moon ist he oldest TV“ ist also nicht nur eine absolut sehenswerte Hommage an einen wahrhaft avantgardistischen Ausnahmekünstler, sondern auch eine Auseinandersetzung mit den Widersprüchen von Technologie, Konsum, faschistischen Tendenzen, aber auch mit der Stärkung interkultureller Verständigung.

(Pre-View von Ann-Katrin Günzel)

Dazu in Band 115 erschienen:

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