Streit um Kiefer-Ausstellung in China

13. Dezember 2016 · Galerien & Auktionshäuser
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Beate Reifenscheid, Direktorin des Museums Ludwig in Koblenz, geriet in die Kritik, weil sie für die in Hamburg ansässige Bell Art GmbH eine Anselm Kiefer-Ausstellung mit 82 Bildern und Skulpturen in Peking kuratierte, von der Anselm Kiefer wiederum sich mit klaren Worten distanzierte: „Die behandeln mich wie einen toten Künstler“, vertraute er der „Süddeutschen Zeitung“ an, er fühle sich „vergewaltigt“. Die Werke stammen aus zwei Sammlungen, und dass eine Ausstellung mit Werken eines Künstlers auch ohne dessen Mitwirkung oder Einwilligung erfolgen kann, ist juristisch unstrittig. Dennoch sorgte laut SWR Kiefers schriftliche Erklärung für gehörigen Wirbel, er sei „tief enttäuscht“, dass die Organisatoren den Eindruck erweckt hätten, er sei „mit im Boot“, das Projekt werde aber „vollkommen gegen seinen Wunsch“ betrieben. Laut „DW-Deutscher Welle“ sekundierte ihm Kiefers Salzburger Galerist Thaddaeus Ropac, der Künstler sei „nicht einmal gefragt“ worden; die Koblenzer Kuratorin habe „sich weder bei Kiefer noch bei seiner Galerie um Zusammenarbeit bemüht“. Reifenscheid wiederum erklärte etwas kryptisch, sie habe „mit mehreren Personen über mehrere Monate hinweg immer wieder Kontakt gehabt“, nannte aber keine Namen. Ihr stärkte immerhin Eckart Köhne den Rücken, Chef des Deutschen Museumsbundes, zwar sei Kiefers Unmut verständlich, aber ein Kurator müssen sich auch „gegen jeglichen Einfluss von außen verteidigen“. Dennoch bekam Beate Reifenscheid weiterhin scharfen Gegenwind zu spüren: „Am 1. Januar 2017 soll Beate Reifenscheid Präsidentin von ICOM Deutschland werden, der deutschen Sektion des Internationalen Museumsrats. Unter den Vorstandsmitgliedern gibt es nun Befürchtungen, der Ruf des Museumsrats könne beschädigt werden. Vermutlich zu Recht“, kommentierte Deutschlandradio Kultur die Affäre. „Alarmiert“ sei auch die „Irene und Peter Ludwig Stiftung“: „Sie fürchtet, dass die Verärgerung über diese Ausstellung auf den Namen Ludwig zurückfallen könne“ (SWR). Stein des Anstoßes ist die Tatsache, dass die städtische Museumsdirektorin Beate Reifenscheid „auf der Homepage“ der Bell Art GmbH „als ‚Hauptkuratorin‘ angeführt“ wurde (später allerdings nur noch als „freie Kuratorin“); laut SWR sei die Bell Art GmbH jedoch „ein Unternehmen mit kommerziellen Interessen, das in Peking ein Zollfreilager betreibt“. Derlei kommerzielle Interessen unterstellt die Zeitschrift „art“ aber auch Reifenscheids Gegnern und zitiert dazu Montieth M. Illingworth, Präsident der New Yorker Kommunikationsberatungsfirma Montieth & Company: „Eine Ausstellung mit mehr als 80 Werken aus einer Privatsammlung bedroht das offenkundige Interesse dieser Galerien, den Markt für Kiefers Kunstwerke in China zu monopolisieren. Es geht den Händlern einzig und allein darum, die Kontrolle zu behalten.“ So ist die Affäre ein Lehrstück darüber, wie eine Kuratorin und ein sich nun düpiert fühlendes staatliches Museum in China in den Strudel der wilden Gewässer des Kunsthandels geraten können. Michael Henker, bisheriger Präsident des Museumsrats ICOM, rät seiner Zunft jedenfalls zur Mäßigung bei derlei beruflichen Umtrieben: „Ich würde mich… nicht in die Situation begeben haben, mich in meinem professionellen Feld so eng an ein eindeutiges Wirtschaftsunternehmen anzuschließen und damit zu verbinden“.

Dazu in Band 238 erschienen:

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