Titel: Zeitgeist , 1982

Der neue Manierismus

Das Panorama des Zeitgeistes

von Klaus Honnef

Zerborstene Landschaften, verbrannt, öd, niemand kann und will da wohnen, nicht einmal existieren; ein schier unübersehbares Gewimmel von Menschen, von Köpfen nur, fragmentierten Menschen also in jener hämmernden schrillen und dissonanten Farbgebung, die gelegentlich zur Begleitung der neuen Populärmusik, Punk, New Wave, aufflackert und die Augen blendet, gleichsam das Akustische ins Visuelle umsetzend; Menschen verknäuelt und verdreht, als seien sie um die eigene Achse gewickelt wie die Schlange um den Baum in den Bilddarstellungen über die Vertreibung aus dem Paradies, Menschen überkopf oder frei im Raum schwebend in einer Welt, in der die über-kommenen Gesetze offensichtlich nicht mehr zu gelten scheinen, jedenfalls vom Künstler außer Kraft gesetzt wurden; ein Flugzeug, das wie ein Unglücksvogel eine düstere Stadt überfliegt, die von einem gefährlich glimmenden Rot hinterstrahlt wird, und im bengalisch blauen Himmel wie ein Endzeitstern steht; und im scheinbaren Kontrast dazu geflügelte Pferde, großäugig und gutmütig blickende Eulen, hakenschlagende Hasen und Hirsche, zu kleinen Denkmälern am Ort geformt aus einem riesigen Lehmhaufen, der unmißverständlich den Gedanken insinuiert, daß die menschliche Schöpfungsgeschichte am besten wiederholt werde. Denn irgendetwas scheint schiefgegangen zu sein mit der Geschichte des Menschen, glaubt man angesichts dieser und anderer, nicht weniger ausdruckskräftiger Motiven den Künstlern, den Malern und Bildhauern, deren Werke, kaum mehr als ein Jahr, bevor Orwells ,,1984″-Prophezeiung an der aktuellen Wirklichkeit überprüft zu werden vermag, im Berliner Martin-Gropius-Bau den Zeitgeist am Ende des 20. Jahrhunderts beschwören sollten.

Zeitgeist? Laut Brockhaus-Lexikon aus dem Jahre 1966: „…die sich in allen Erscheinungen eines…

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