Monografie · von Klaus Honnef · S. 162
Monografie , 1979

Klaus Honnef

Wirklichkeitsbilder in der Kunst

Bemerkungen zum Werk von Adolf Luther

Man hat sich allzu rasch daran gewöhnt, in der Kunst ein ästhetisches System zu sehen, das allein den eigenen Gesetzen gehorcht und mit den übrigen Erscheinungen der Wirklichkeit so gut wie gar nichts gemein hat. Aber diese Vorstellung einer autonomen, will sagen: einer Kunst, die nicht nur ihren Gesetzen aus langer Entwicklungszeit gehorcht, sondern sich fortwährend auch neue Gesetze gibt, gründet keineswegs auf unwandelbaren Voraussetzungen. Sie ist vielmehr ebenso eine historisch und geographisch eingrenzbare Größe wie die Vorstellung von einer Kunst, die Wirklichkeit in überhöhter Form vergegenwärtigt, wobei es für unsere Diskussion unerheblich ist, in welche Richtung und zu welchem Zwecke gewendet diese Überhöhung jeweils beabsichtigt wird: Ob mit der Absicht, einer vorgeblich schlechten Wirklichkeit eine künstlerische Realität des schönen Scheins entgegenzuhalten oder den Betrachter vermittels eines bildhaft gefaßten utopischen Vorgriffs sozusagen zur prompten Veränderung der gegebenen Wirklichkeit anzuhalten. Schließlich sei der Vollständigkeit eines kursorischen, und damit notwendigerweise reichlich grobschlächtigen Überblicks halber noch jene Vorstellung von Kunst als eines Spiegelbildes der Wirklichkeit erwähnt, in der entweder gemäß der Realismusdefinition des Soziologen Erich Auerbach die „Möglichkeit ernster Darstellung alltäglicher Vorgänge“ gegeben ist oder nach marxistischer Auffassung die unterschwellig wirkenden gesellschaftlichen Triebkräfte der Wirklichkeit in ihren manifesten Folgen optisch dingfest gemacht werden.

Bereits die knappe Aufzählung, die darüber hinaus nur die Vorstellungen der Kunst weniger Jahrhunderte – und die noch nicht einmal komplett – sowie die einer geographisch überschaubaren Sphäre, nämlich des westlichen Kulturkreises, zusammenfassen sollte, enthüllt, daß Kunst offensichtlich mehr ist als die…

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