Claudia Herstatt
Dokoupil

»Malerei im 21. Jahrhundert«

Deichtorhallen Hamburg, 29.4. – 28. 8. 2005
ab Anfang 2006 National Galerie Prag

Fast hätte man ihn ein bisschen aus dem Blickfeld verloren. Aber nun widmen die Deichtorhallen Hamburg dem 1954 in der Tschechoslowakei geborenen Jiri Georg Dokoupil eine opulente Ausstellung. Bekannt geworden ist der Maler in den ziemlich wilden Jahren Ende der 70er, als er sich in Köln gemeinsam mit Hans Peter Adamski, Peter Bömmels und Walter Dahn mit rotzfrecher Malerei unter dem Label Mühlheimer Freiheit austobte. In den achtziger Jahren wurden seine Werke in so renommierten Galerien wie Bischofsberger in Zürich, Robert Miller in New York und auch der Galerie Akira Ikeda in Nagoya gezeigt. Als Gastprofessor an der Kunstakademie Düsseldorf und der Circulo de Bellas Artes in Madrid war er ebenfalls bis Ende der 80er tätig. Seitdem lebt er in Madrid, Berlin, Prag und Santa Cruz auf Teneriffa.

An den verschiedenen Orten entstehen ganze Serien von Bildern und Skulpturen, auch Malerei mit anderen Mitteln wie Kerzenruß oder Muttermilch. In 29 Kapiteln mit 200 Gemälden von 1981 bis 2005 gehen die Deichtorhallen dem malerischen Weg des Künstlers nach – in umgekehrter Chronologie. Man schreitet also aus dem Jahr 2005 zurück zu den provokanten Bildern der Anfänge wie beispielsweise der 1982 entstandenen bemalten großformatigen Büchercollage „Gott zeig mir Deine Eier“ und der „Ricki-Bilder“ von 1982-83 in Zusammenarbeit mit Walter Dahn.

Die Komposition der Ausstellung setzt also vor die aufmüpfigen Anfänge in aller Breite die eleganten Leoparden auf grünem Fond, die Peitschenbilder, die Schaumlandschaften und Seifenblasenbilder von gigantischen Ausmaßen und betörenden Farben. Teilweise ist das Werk Dokoupils über die Jahre ins Illustrative übergewechselt. Die großformatigen Sternzeichen, alle geeint über dasselbe schillernde Auge hätte man getrost weglassen können.

Überhaupt kommt die Ausstellung in jeder Hinsicht im Gegensatz zu ihrer Bedeutung zu großformatig daher, wenn sie auch in der von dem Hamburger Architekten Jan Störmer klug und bestechend schön renovierten nördlichen, 4000 Quadratmeter großen Deichtorhalle ohne Frage ein edles Forum hat.

„Ausgangspunkt für die Entscheidung, die erste große Ausstellung in den Deichtorhallen unter meiner Leitung Dokoupil anzubieten,“ schreibt der Direktor und Kurator Robert Fleck im Katalog, „war der Hinweis junger Künstler und Kritikerkollegen auf die intensiven und energiegeladenen Bilder Dokoupils aus den Jahren 2000 bis 2003. Die betreffenden Künstler und Kritikerkollegen sind durchweg zu jung, um Dokoupils starke Präsenz in der Ausstellungswelt der achtziger Jahre noch selbst wahrgenommen zu haben.“ Fleck ist der Ansicht, dass sich das ihm nach der Ära Zdenek Felix anvertraute Haus besonders für monographische Ausstellungen eignet. Michel Majerus und Jonathan Meese sollen in Folge in Einzelausstellungen gezeigt werden.

Der Reiz der Schau mag immerhin darin liegen, dass sich die sehr unterschiedlichen Produkte von Dokoupil letztlich wie zu einer Gruppenausstellung reimen. Da gibt es die kleine Formate der in Muttermilch getunkten Babypullover, die auf die Leinwand gepresst und erhitzt ihre Konturen in zarter goldener Farbe hinterlassen. Da gibt es die Riesenformate von etwa drei mal drei Metern der Seifenblasenbilder in knalligem Gelb und Grün, die witzigen Skulpturen von arrangiertem Obst und Gemüse in Bronze und die Rauhfaserbilder, die auf der zeitweise überall gegenwärtigen Rauhfasertapete gemalten, dann aber aus dem Hass auf die gemütliche Tapete der Jugendzeit erwachsenen monochromen oder in den Farben der Nationalflagge in Schwarz-Rot-Gold nebeneinander gehängten Hochformaten.

Der Rundgang entgegen der Chronologie ihrer Entstehung erweist sich als ein eigenartiger Effekt – man hat den Eindruck, die früheren Bilder seien doch die stärkeren gewesen – so steuert die Ausstellung zielsicher auf frühe Höhepunkte zu. Ob das allerdings wirklich der Plan war und dem künstlerischen Gesamtwerk mit Blick in die Zukunft so gut tut oder vielmehr eher manches Jüngere leer und beliebig erscheinen lässt, bleibt die Frage.

Dass sich die Deichtorhallen einem wohl zu aller erst von Künstlerkollegen wahrgenommen und geschätzten Maler angenommen haben, der nach der Liste der Ausstellungen nur in Deutschland in jüngster Zeit wenig präsent war, ist durchaus ein Verdienst – ganz so dick hätte die Verehrungsschau allerdings nicht daher kommen müssen, um die Qualität von Dokoupil zu betonen.

Katalog: 340 S. DuMont Verlag. Hrsg.: Robert Fleck und Wilfried Dickhoff, Autoren: Josefina Ayerza, Robert Fleck, Thomas Hoppe, Slavoj Zizek., 34,90 Euro.