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Gespräche mit Kunstkritikern · S. 201 - 201
Gespräche mit Kunstkritikern , 1983

In Memorium:
Das letzte Interview mit
Francesca Alinovi

von Barbara Moyneham

Das Mittelalter. In unserem letzten Gespräch im Winter zog die italienische Kunsthistorikerin und -kritikerin Francesca Alinovi eine Parallele zwischen der Entwicklung in der heutigen Kunst und der des 13. Jahrhunderts in Europa. Sie empfand die Zeit vor der Renaissance nicht als Zeit der Degeneration, sondern als Epoche, in der technologische und gesellschaftliche Veränderungen schneller erfolgten als die Menschen es verkraften konnten. Eine Zeit des Experimentierens, die das Leben anders definierte als die Generationen nach der Renaissance. Es gab keine ‚hohe‘ oder ’niedere‘ Kultur; in der Unruhe der Veränderung blieb keine Zeit für solche Feinheiten, sagte sie. Alinovi glaubte, daß das Leben damals genauso aufregend gewesen sein müsse wie zu unserer heutigen Zeit … wo sich die Veränderungen überstürzen und unsere Sicht trüben.

Nun ist Francesca Alinovi selber Opfer dieser Zeit geworden, die sie so aufregend fand: erstochen in ihrer kleinen Wohnung in Bologna Anfang Juni.

Ein zweiseitiger Artikel über die 34-jährige Assistentin an der Universität von Bologna, zugleich führende Persönlichkeit in der lokalen Bohème und in intellektuellen Gesellschaftskreisen sowie Chronistin der amerikanischen Avantgarde-Kunstszene, erschienen im Panorama, einer italienischen Tageszeitung, vom 4. Juli 1983, schloß mit folgenden Worten:

„Sie war eine ewige Performance in Person, schließlich Opfer dessen, dem sie zur Entstehung verholfen hatte.“

Seit Ende 1970 reiste sie zweimal jährlich nach New York und blieb jeweils einen Monat, um ihre Liebe und Neugier für das, was sie ,,The New Frontier Art“ nannte, zu befriedigen. Nachdem sie Laurie Andersens Performances in den siebziger Jahren in Italien gesehen hatte,…

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