Magazin: Aktionen, Pläne & Projekte · S. 199
Magazin: Aktionen, Pläne & Projekte , 1983

Blutorden – oder: Die Wiedergeburt des Happenings

von Jürgen Raap

Ein bis dato völlig unbekannter Abgeordneter im hessischen Landtag gerät wochenlang in die Schlagzeilen, weil er bei einem Empfang im Parlament einen US-General mit Blut bespritzt hatte. Seit vor sechs Jahren der anonym gebliebene Göttinger „Mescalero“ öffentlich seine ,,klammheimliche Freude“ über ein gelungenes Attentat bekundete, hat die Öffentlichkeit nichts mehr empört als das demonstrative Opfern des eigenen Blutes durch den Abgeordneten Schwalba-Hoth: eilfertige Entschuldigungen „bei unseren amerikanischen Freunden“, Distanzierungen aus dem eigenen politischen Lager des Abgeordneten wie die Bewertung der Aktion als „politisch unklug“ (Otto Schily) oder Petra Kelly’s statement, die Integrität jeder Person sei zu achten, aber auch der Versuch der Rechtfertigung mit dem Hinweis, an den Orden eines Generals klebe doch schließlich auch Blut.

Mit dem Vergießen des roten Lebenssaftes ist ein Tabu durchbrochen worden; die Erregung der Gemüter war nicht zuletzt deshalb so heftig, weil eben das verspritzte Blut eine Geste darstellte, die weitaus mehr die innerliche Substanz der menschlichen Existenz berührt als die Ungebührlichkeit jener Polit-Happenings, als vor fünfzehn Jahren im Gerichtssaal die Hose heruntergelassen wurde. Schon im Reichstag der wilhelminischen Epoche wurde mit Tintenfässern geworfen, und mancher als unliebsam empfundene Politiker bekam Eier und Farbbeutel ab, jedoch ist es nicht der Unterschied in der chemischen Zusammensetzung der geworfenen oder gepritzten Substanzen, der jener Blut-Aktion eine Ungeheuerlichkeit verliehen hat, sondern der Charakter des Mythischen, der dem Blut zugewiesen wird. Hätte Schwalba-Hoth Scherztinte eingesetzt, die nach Minuten spurlos verdunstet, wäre sein Name längst wieder vergessen, der Angriff auf die Würde…

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