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Magazin: Publikationen · von Christian Huther · S. 465 - 465
Magazin: Publikationen , 1995

Kunst in Frankfurt 1945 bis heute

Zur 1200-Jahr-Feier der Stadt Frankfurt am Main im vergangenen Jahr veranstaltete man rund 30 Ausstellungen zur Kunst nach 1945. Neben Museen und Galerien wurden auch abseits gelegene Ausstellungsorte erprobt, um ein Publikum anzusprechen, das nicht in Museen geht. Das Städel begann im Frühjahr mit einem Rückblick auf die zwischen 1945 und 1951 entstandenen Hofheimer Bilder von Ernst Wilhelm Nay, im Frühsommer folgte im Museum für Moderne Kunst (MMK) die Dokumentation einer Beuys-Theateraktion von 1969 sowie ein Einblick in die 60er Jahre mit Roehr, Posenenske und Bayrle. Der eigentliche Ausstellungsreigen begann im Herbst: Junge Künstler waren mit Projekten über die Stadt verstreut, im Städel ließ man 177 Jahre Städelschule Revue passieren, Galerien zeigten Kunst seit 1950 im Kunstverein, in der Jahrhunderthalle Hoechst stellten sieben Banken ihre Sammlungen vor. Schließlich präsentierte das MMK fast komplett die legendäre Sammlung Ströher, die den Grundstock des Hauses bildet.

Dieser Versuch einer Standortbestimmung der Kunst in der Mainmetropole während der letzten 50 Jahre liegt nun als Buch vor. Rolf Lauter, Oberkustus am MMK, hat den über 500seitigen, großformatigen Band „Kunst in Frankfurt 1945 bis heute“ herausgegeben und dazu rund 70 Autoren um sich geschart. Lauter vertritt einen weit gefaßten Begriff von Kunst, bezieht auch Film und Kino, Architektur und Städtebau sowie die Philosophie ein und widmet sich den inter- disziplinären Strukturen von Bühne, Literatur und bildender Kunst. Nach einer kulturhistorischen Einführung werden im zweiten Kapitel Aspekte der Frankfurter Entwicklung nach 1945 diskutiert, von einem langen Interview mit Hilmar Hoffmann bis zu Dieter Kramers Essay, der die Finanzkrise als Herausforderung für die Kulturpolitik begreift.

Insbesondere im Hoffmann-Interview werden die letzten 20 Jahre kritisch beleuchtet, wobei Hoffmann nicht mit harten Worten für die jetzige „hausgemachte Krise“ der Finanzen spart: „Wer naiv dahinschwadroniert, der Hoffmann mit seinen vielen Kulturbauten sei daran schuld, daß die Stadt so hoch verschuldet ist, dem gebe ich gern Nachhilfeunterricht in Sachen Urbanität und Lebensqualität. Hätten wir in dieser Stadt nicht in die Kultur investiert, dann hätten andere Dezernenten was anderes gebaut. Das Geld wäre nicht auf die hohe Kante gelegt worden.“ Das dritte Kapitel widmet sich vorwiegend der Kunst nach 1945 bis in die 70er Jahre – von der „Quadriga“ über Nay, Meistermann, Roehr, Brock, Posenenske, Bayrle und Goepfert bis zu Werner Schreib. Die in den Ausstellungen zu kurz gekommene Zeit nach `45 wird hier nachgeholt, während die zuvor gut weggekommenen 80er und 90er Jahre nur in einem Beitrag Lauters vorgestellt werden.

Fotografie, Film und Kinogeschichte sowie die Kunst im öffentlichen Raum sind weitere Themen dieses Kapitels. Beim letzten Thema zeigt Michael Hierholzer ein anderes Dilemma auf: „Es gehört zu den Versäumnissen der kulturpolitischen Ära Hilmar Hoffmanns, für Frankfurt kein Konzept für die Kunst im öffentlichen Außenraum verwirklicht zu haben; eine ausschließlich auf Museen ausgerichtete Kunstpolitik spiegelt auch Ängste vor der Öffentlichkeit wider.“ Gilt das kürzere vierte Kapitel dem Städtebau von der Nachkriegsmoderne bis zu den neuen Hochhäusern, so werden im fünften Kapitel die Museen und Galerien gewürdigt. Doch daß einige Direktoren über die eigenen Häuser (wie auch im sechsten, interdisziplinären Kapitel) schreiben, macht die Lektüre zuweilen etwas schwerfällig. Da wünscht man sich mehr kritische Distanz, auch wenn die Hausherren aus erster Hand berichten können.

Die zentralen Themen werden von eigens verfaßten, längeren Essays eingeleitet, gefolgt von kürzeren Artikeln, die die ganze Breite des Spektrums ausleuchten. Meist handelt es sich dabei um bereits in Tageszeitungen, Zeitschriften und anderen Publikationen erschienene Beiträge, abgerundet durch erhellende Interviews und Diskussionen sowie vielen heute schon nostalgisch anmutenden Schwarzweißfotos. Deutlich wird beim Blättern, daß das Ziel von der Kunstmetropole Frankfurt weiter weg ist als je zuvor. Daß im „Jubeljahr“ ein längst fälliger Rückblick auf die „Quadriga“-Maler am Geld scheiterte, sagt genug über Frankfurts derzeitige Verfassung. Die von Hilmar Hoffmann verteilte Saat – das macht die Lektüre dieses wohl bald als verbindlich geltenden Standardwerkes zur Frankfurter Kunst der letzten 50 Jahre deutlich – geht nur mit den Künstlern auf. Rolf Lauter ist eine beherzte, natürlich subjektive Dokumentation des Ist-Zustandes gelungen. Ein profundes Lesebuch ist es allemal. Und zum Nachschlagewerk fehlt nur das Register.

Christian Huther

Rolf Lauter (Hrsg.), Kunst in Frankfurt 1945 bis heute, Societäts Verlag Frankfurt/Main, 1994, 526 S., zahlreiche Schwarzweißabbildungen, Paperback im Museum 58 DM (+ 7 DM Versand), Hardcover im Buchhandel 98 DM, ISBN 3-7973-0581-8

von Christian Huther

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