Titel: Natur - Kunst , 1982

Natur – Kunst

von Heinz Thiel

In den letzten Jahren ist eine Kunst ‚gewachsen‘, die man eher auf Wanderkarten finden könnte als in Museumsführern. In der Lüneburger Heide oder irgendwo abseits der Pfade passionierter Sonntagsspaziergänger in der Nähe von Prien am Chiemsee, aber auch auf der ‚Ile de Macau‘ in der Girondemündung, auf Korsika oder in einem abgelegenen Steinbruch des Siebengebirges findet man skulpturale ‚Feldzeichen‘, die von Künstlern in die freie Natur gesetzt wurden.

Allerdings ist die Freiheit auch in der Natur nicht mehr auf Schritt und Tritt anzutreffen, man muß sie mühsam suchen, die aufgegebenen Steinbrüche, die wieder der Natur überlassen wurden, die Kiesgruben, die Brach- und Ödlandflächen, auf denen Kunst ’naturwürdig‘ gedeihen kann.

Aber auch in Städten ‚blüht‘ neben zugkräftigen Gold- und Historienausstellungen, á la Parler, Wittelsbacher oder Preussen, eine neue Kunst, bei der die Resonanz nicht nach dem Eintrittskartenverkauf gemessen werden kann. Wer zur rechten Zeit kommt, kann in Freiburg einen mehrere hundert Meter langen „Obeliskschatten“ aus 13.000 Narzissen in voller Blüte erleben, in Berlin die „EKG-Aufzeichnungen eines gesunden Herzschlages, gestreckt auf 220 Meter und mit 12.000 roten Tulpen besetzt, in Bremen eine blumige Linie der Tag-und-Nacht-Gleiche, in Kassel einen über die Aue sich hinziehenden Kinderreigen, der Jahr für Jahr neu grünt und in vielerlei Farben schillernd blüht.

Eine Reihe von Künstlern hat es, genau wie die Alternativen, aus den Einkaufsstraßen und Stahlbeton-Schluchten hinaus getrieben an Wegränder und Watt, Waldschneisen und Wildbäche. Das war und ist keine plötzliche Flucht, eher ein langsames Einsickern in die Natur, da wo sie auch etwas von…

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