Titel: Plastik als Handlungsform · von Manfred Schneckenburger · S.
Titel: Plastik als Handlungsform , 1979

Manfred Schneckenburger

Plastik als Handlungsform

Die Verschmelzung von Kunst und Leben war eine der fruchtbarsten Utopien des 20. Jahrhunderts. Sie rangiert noch vor dem anderen Ideal, die Medien der Kunst immer reiner auszudestillieren, bis schließlich nur noch die Selbstdefinition der Malerei, Plastik, oder Fotografie blieb. Die sechziger Jahre haben beide Zielideen radikalisiert: Sie zogen daraus eine immense künstlerische Vitalität, die den Avantgardismus permanent zu machen schien. (Die Erkenntnis, daß die Öffnung zum Leben sich als Graben erwies, über den der herrschende Kunstbegriff nicht springt, steht auf einem anderen Blatt.) Unerschöpflich brachte das Spannungsfeld Kunst – Leben immer neue Kreuzungen hervor, in denen die extreme Utopie der Verschmelzung zurückgenommen wurde in künstlerische Strategien. Der Wunsch, die Grenzen der ästhetischen Kontemplation, Reflektion, Fassion niederzureißen und ein aktiveres Engagement zu verankern, wurde zum Glaubensartikel. Das Happening bildete Strategien aus, in denen das Publikum für das Leben stand und den dadaistischen Vereinigungsakt so selber vollziehen konnte.

Denn natürlich ging es bei all dem auch – und vor allem – um ein neues Verhältnis von Publikum und Kunst. Dabei ist es erstaunlich, wie lange im engeren Bereich der Plastik die Rolle des Betrachters letztlich passiv festgeschrieben blieb. Erst Mitte der sechziger Jahre entwickelte sich, mit einer deutlichen Transformation in den siebziger Jahren, eine Plastik, die ihre eigene Rolle wie die des Rezipienten neu bestimmt.

Die Parallelität zum Aufkommen der „performances“ ist kein Zufall. Diese Plastik ruht nicht autonom in sich. Sie ist weder Objekt noch bloßes Ambiente, sondern fordert die Aktion eines „Benutzers“, Alice Aycock sagt: seine „performance“. Ihr…

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