Monografie , 1979

Gerhard Rühm

zu meinen ‚medialen Zeichnungen‘

unter meinen bildnerischen arbeiten nehmen die zum großteil von dezember 1971 bis ende 1973 entstandenen ‚medialen‘ oder richtiger ‚automatischen Zeichnungen‘ einen besonderen platz ein. sie sind die künstlerischen ergebnisse einer intensiven auseinandersetzung mit dem heute zu unrecht vernachlässigten phänomen der psychischen automatismen, die der parapsychologe rudolf tischner anschaulich „Steigrohre des Unterbewußtseins“ genannt hat.

psychische automatismen sind spontane äußerungen des unbewußten, die ohne beteiligung des willens, abgespaltet von der (gleichzeitigen) tätigkeit des wachbewußtseins, aber auch bei hypnagogen zuständen und in trance zustande kommen, die psychosensorischen automatismen manifestieren sich als Halluzinationen (sie können zum beispiel durch das bekannte „kristallsehen“ oder das „muschelhören“ provoziert werden), die psychomotorischen durch unbewußte bewegungen, die, hält die hand ein Schreibgerät auf ein blatt papier, Zeichnungen oder schriftzüge hinterlassen.

psychische automatismen sind durch systematisches training entwickelbar, so funktioniert der zeichenautomatismus bei regelmäßiger Übung immer selbstverständlicher, müheloser, wird ein immer sensibleres, geschmeidigeres „medium“ des unbewußten, man kann insofern von ‚medialen Zeichnungen‘ sprechen, als die folgsam ausführende hand, vom autoritären bewußtsein völlig unabhängig, hier zum bloßen medium unbewußter regungen und inhalte wird, natürlich ist die Veranlagung zur automatischen produktion nicht bei allen menschen gleich stark, einige werden sehr rasch zu positiven ergebnissen kommen, die meisten werden eine reihe geduldiger versuche anstellen müssen, bis es funktioniert, manchen wird es vielleicht nie gelingen, im allgemeinen aber ist die automatische praxis eine wirksame methode zur aktivierung des unbewußten schöpferischen potentials, das normalerweise durch äußere zwänge, hemmungen und Verkrampfungen zum schweigen verurteilt ist. kreativität – und sie ist per definitionem immer innovatorisch…

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von Gerhard Rühm

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