Kommentar , 1976

Hans-Jürgen Müller

Denn man sieht nur die im Lichte…

In der Pariser Galerie Templon stellte Ende Oktober Frank Stella aus. Der amerikanische Senkrechtstarter, Jahrgang 1936, zeigte seine neuesten Arbeiten. Während Stella auf Bongards Unsterblichkeitsliste kürzlich vom 9. auf den 8. Rang klettern konnte, hat seine Produktion qualitativ einen neuen Tiefstand erreicht. Doch seit der vom internationalen Kunsthandel umhegte Star Anfang der sechziger Jahre mit wenigen großartigen Bildserien Kunstgeschichte gemacht hat, kann ihn offenbar nichts mehr aus dem Sattel des Erfolges werfen.

Allen voran haben deutsche Museen durch spektakuläre Ankäufe den Marktwert Stellas ständig in die Höhe getrieben und das, obwohl sich die Qualitätskurve schon seit zehn Jahren deutlich nach unten bewegt.

Daß die frühen, bedeutenden Bilder längst in festem Besitz sind, hat die Verantwortlichen nicht abgehalten, zwecks Vervollständigung amerikanischer Nachkriegsmalerei die späten, kunsthistorisch völlig nebensächlichen Superformate des Amerikaners zu erwerben. Trotz Geldknappheit und Platzmangel.

Während die Historiker beispielsweise sehr wohl zwischen dem Früh- und Spätwerk deutscher Expressionisten unterscheiden und keinesfalls bereit wären, sechsstellige Beträge für späte Dix-Bilder zu bezahlen, weichen sie einer kritischen Beurteilung der noch nicht buchhalterisch aufbereiteten Nachkriegsszene aus. Die Bilanzen sind bis zur Stunde unvollständig und hauptsächlich vom amerikanischen bzw. französischen Handel erstellt worden.

Frank Stella ist beileibe kein Einzelfall. Betrachtet man, mit welcher Euphorie dem Spätwerk Sam Francis‘, Lichtensteins, Rauschenbergs, Vasarely u.a. applaudiert wird, dann wird deutlich, daß es heute weniger um Qualität, als um das Zusammentragen berühmter Markenartikel geht. Der Konsument läßt sich leicht verführen.

Das war in der Vergangenheit kaum anders. Nicht der frühe Chagall feierte beim Publikum Triumphe, sondern der…

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von Hans-Jürgen Müller

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