Titel: Funktionen der Zeichnung · von Werner Lippert · S. 96
Titel: Funktionen der Zeichnung , 1976

Werner Lippert

Zeichnungen heute

Die ursprünglich vom Autor zum Text getroffene Bildauswahl wurde von der Redaktion abgeändert und erweitert.

Im Bereich der Bildenden Kunst, der von der Kunstgeschichte erfaßt wird, erscheint die ‚Zeichnung‘ zunächst nicht als selbständige Kategorie. Sie ist Vor- oder Nachzeichnung und tritt als künstlerisches Medium nur mit untergeordneter Bedeutung auf. Viele Zeichnungen – zum Beispiel solche auf Wachstafeln in den mittelalterlichen Werkstätten oder die Vorzeichnungen für Fresken auf der Wand – werden gar gleich wieder gelöscht, beziehungsweise übermalt. Erst die Einführung des Pergaments und später des Papiers (um 1300 etwa) machen die Zeichnung ‚transportabel‘. Sie geht fortan von Hand zu Hand, wird in Musterbüchern zusammengefaßt oder mit auf die Wanderschaft genommen. Es sollte aber wohl noch ein Jahrhundert dauern bis die Zeichnung aufhebenswürdig erschien und ihr ein eigenständiger Wert gegenüber der Malerei und der Skulptur zuerkannt wurde.

Unter Mißachtung der Tatsache, daß schon Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung steinzeitliche Zeichnungen auf Felswänden und in Höhlen entstanden waren, meint ‚Zeichnung‘ eigentlich stets das, was mit Blei- oder Farbstift, mit Tusche oder Kreide zu Papier gebracht wird. Je nach Stilrichtung schreibt man ihr dann noch verschiedene ‚Werte‘ zu, wovon sich der, daß in der Zeichnung das Individuelle (die Handschrift) und das Expressive (das Subjektive) wohl am besten repräsentiert seien, sich als besonders hartnäckig und dauerhaft erweist. Ja, für populärwissenschaftliche ‚Bilderbücher‘ ist das geradezu das Kriterium par exellence um die Zeichnung zu charakterisieren.

Doch wie im zwanzigsten Jahrhundert Malerei und Skulptur ihre Medien ‚hinterfragten‘ und erweiterten, so hat auch die Zeichnung ähnliche Entwicklungen zu verzeichnen. Als…

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