Essay · von Klaus Honnef · S. 11
Essay , 1979

Klaus Honnef

Die Kunst wird zu Tode verwaltet

Daß Kunst und Wissenschaft frei sind, verbrieft in der Bundesrepublik Deutschland das Grundgesetz. Es garantiert die Freiheit von Kunst und Wissenschaft ebenso wie die freie Meinungsäusserung. Diese Freiheiten sind Früchte der bürgerlichen Revolution und insofern – historisch gesehen nämlich – vergleichsweise neueren Datums. Also keineswegs selbstverständlich. Wie wenig zum Beispiel die Freiheit der Kunst allgemein als eine Selbstverständlichkeit angesehen wird, zeigt der beständige Ruf des „gesunden Volksempfindens“ nach dem Kadi, wenn irgendetwas in der Kunst geschieht, das Tabus verletzt; oder der Antrieb eifriger, übereifriger Staatsanwälte, gegen künstlerische Äusserungen dann einzuschreiten, wenn sie ein Problem schaffen, das die politische und/oder gesellschaftliche Ordnung der Bundesrepublik Deutschland zu unterminieren scheint. Daß dabei häufig die wirtschaftliche Ordnung mit der politischen und gesellschaftlichen gleichgesetzt wird, obwohl das Grundgesetz keine bestimmte wirtschaftliche Ordnungsgestaltung vornoch festgeschrieben hat, belegt umgekehrt die Notwendigkeit einer wirklich freien Kunst und einer wirklich freien Wissenschaft. Der Konflikt wird nicht zuletzt noch dadurch geschürt, daß sich die Kunst, kaum in die Freiheit entlassen, als Opposition zu den Verhältnissen, denen sie sich im bürgerlichen Regime gegenübersah, begriff und daß sie ihre Opposition in dem Maße verschärfte, wie bürgerliche Gesinnung, die ihr schon nie so recht hold war, in kleinbürgerliche umschlug. Kunst, zumal wenn sie sie sich in die politische und gesellschaftliche Diskussion einschaltet, wird von den Repräsentanten der obwaltenden politischen und gesellschaftlichen Ordnung und den diese verwaltenden Institutionen immer noch und immer wieder als Bedrohung aufgefaßt und bisweilen dem Versuch einer Strafverfolgung, ausgesetzt. Gottlob gibt es inzwischen genügend…

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