Editorial · S. 14
Editorial , 1977

Editorial

Lieber Leser!

Alle Erwartungen übertroffen! – die Rekord-Zahlen (ca. 350 000 Besucher, 35 000 verkaufte Kataloge), von den Sprechern der documenta 6 stolz verkündet, freuten sicher eine Gruppe von Beobachtern nicht: jene sogenannten ‚Großkritiker‘, die sich im Wettbewerb darin geübt hatten, die d6 mit den elegantesten Streichen hinzurichten, damit wenigstens sie zum Bewundern übrig blieben, die sich in der von George Bernhard Shaw attestierten Rolle als ‚blutrünstige Leute‘ bestätigten, ‚die es nicht bis zum Henker gebracht haben‘.

Die Besucher kamen in Ignoranz des nach unten weisenden Daumens, der zuvor schon so manchem Saal zu hohlerer Akustik verhelfen hat und enttäuschten die Kritiker fürchterlich. Diese sahen sich mit jeder mehr verkauften Eintrittskarte ihrer magischen Kraft beraubt, der sie bisher so sicher waren (und einige zahlten denn auch heim – es sei ja eine Binsenweisheit: je schlechter eine Sache, desto größer der Zulauf).

Das Publikum kam, weniger aggressionsgeladen als in früheren Jahren, bemühter, zu verstehen, was es mit der Kunst auf sich habe und – es fühlte sich seinerseits von der Kunstkritik verraten, alleingelassen auf der weiten Kasseler Aue, auf der sich die kleinen Alfred Kerrs selbstgefällig und augenzwinkernd gegenseitig die Bälle zuspielten.

Die diesjährige documenta war angetreten, die einzelnen Sparten der Kunst in der jeweiligen Mediengebundenheit zu untersuchen, und man war gespannt auf die Erkenntnishilfen der zuständigen Kritik. Indes – man erfuhr wenig über die Voraussetzungen der augenblicklichen Kunst, aber viel über den Zustand der Kritik. Die -obligatorische – Diskussion über die ‚Krise der Avantgardekunst‘ hatte sich bald in eine Diskussion über die ‚Krise der…

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